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1/2.2014




Vevey : Pierrette Bloch


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Pierrette Bloch in ihrem Atelier, Paris, 2002 ©ProLitteris. Foto: Adam Rzepka
rechts: Pierrette Bloch · Sans titre, 1986, Rosshaar, Nylonfaden, 150 cm (Detail), ©ProLitteris, Galerie Rosa Turetsky, Genève. Foto: Lucas Olivet


Pierrette Bloch entwickelt seit sechzig Jahren ein Werk auf Augenhöhe der radikalen Ansätze innerhalb der abstrakten Kunst, war jedoch lange selbst dem Fachpublikum nur ein vager Begriff. Das Musée Jenisch ehrt die scheue Künstlerin nun mit der verdienten Retrospektive, begleitet von der ersten Monografie. Pierrette Bloch (*1928) entfloh ihrer bourgoisen, in La Chaux-de-Fonds beheimateten, jedoch meist in Paris lebenden Familie, und auch das Jura- und Literatur-Studium packten sie nicht. Erst in den Ateliers von Souverbie, Lhote und Goetz, die sie von 1947 bis 1949 frequentierte, entdeckte sie ein Universum, in dem sie sich «wohl fühlte». Mehr als die Ethik, nach dem Äussersten zu streben, übernahm sie aber nicht von ihren Lehrern. Sie verschrieb sich der damals von den Avantgarden in Europa, Amerika und Japan erst angedachten Aufgabe, nach Auschwitz und Hiroshima die Kunst aus ihren Rudimenten ganz neu zu entwerfen - bis heute mit stupender Konsequenz.
Julie Enckell Julliard - früher Konservatorin am Musée Jenisch und neu Direktorin des Musée Jenisch - hat nun Bloch mit viel Takt zur Enthüllung ihres 65 Jahre umspannenden Schaffens bewogen. Nur die gestischen Ölbilder fielen bei der heutigen Bloch definitiv als «linkisch» durch, mit der sie zwischen 1950 und 1965 an Ausstellungen aufgetreten war. So führt die Schau in Vevey direkt von auf Spannungslinien verdichteten Zeichnungen pantomimischer Sequenzen an der Schwelle der Entscheidung für die radikale Abstraktion 1948 zu den zwischen 1952 und 1973 entstandenen Collagen aus grossen, übereinander gelegten Papierfetzen.
Am meisten Platz ist aber zu Recht den nach wie vor aktuellen Werkphasen eingeräumt. Erneut an vorderster Front der künstlerischen Demarchen konzentriert sich Bloch ab 1973 ganz auf ihre von Anfang an manifeste Passion am künstlerischen Prozess. In Tusche beginnt sie Tupfen, Linien, Schlaufen und Knoten zuerst auf grosse Bögen, später auch auf lange Streifen von Papier zu setzen. In Rosshaar, das sie strickend oder anhand von Nylonfäden in ähnliche Formationen bringt, findet sie überdies insofern ein kongeniales Material, als in der Hornsekretion das Zittern und Beben einer psychosomatischen Einheit ebenso fein registriert wird, wie sie es letztlich in ihrer Arbeit anstrebt. Im Gegensatz zu mit ähnlich repetitiven Konzepten operierenden Künstler/innen (Opalka, Darboven) führt ihre fröhliche Ungezwungenheit aber weniger zu einer Vermittlung der Unendlichkeit von Raum und Zeit als zu einer Zelebration der Inkommensurabilität jedes Augenblicks.

Bis: 28.02.2014


Monographie JRP



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen Pierrette Bloch [15.11.13-28.02.14]
Institutionen Musée Jenisch Vevey [Vevey/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Pierrette Bloch
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