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1/2.2014




Zürich : Welt-Bilder


von: Madeleine Panchaud de Bottens

  
Bieke Depoorter · untitled (Kairo), 2012, 80x120 cm, Inkjet-Print


Wie leben andere Menschen? Diesem Thema widmet sich die zum fünften Mal im Helmhaus stattfindende Fotoausstellung ‹Welt-Bilder›. Kuratiert wird die vielfältige Schau zeitgenössischer Fotografie von Simon Maurer und Andreas Fiedler. Den Anfang macht ‹Trona›, eine Diaprojektion von Tobias Zielony (*1973) mit einer Bildserie zu einem Blog über den Ort Trona. Diese kalifornische Wüstenstadt ist ein Niemandsland, etwa jeder zweite Bewohner ist von der Psychodroge Crystal Meth abhängig und Jugendliche haben keine Zukunft. Hier steht die Zeit still. Zielony erforscht Jugendkulturen in aller Welt und zeichnet ein differenziertes Bild junger Menschen. In der Mojave-Wüste fotografiert er - was für ein Paradox - die Ausweglosigkeit. Im nächsten Saal folgt die mit der Agentur Magnum assoziierte Belgierin Bieke Depoorter (*1986). Sie schafft berührende Studien zum Thema Intimität. Auf Reisen in Russland, Ägypten und den USA bat sie Fremde um Unterkunft für eine Nacht, um ihre Gastgeber in deren privater Umgebung zu fotografieren. Oft fehlte eine gemeinsame Sprache, Vertrauen liess sich nur über Gesten und Blicke schaffen. «You have to observe each other in order to decide if you can trust each other.» Depoorter fängt «intensive moments» ein - eine Frau vor dem Zubettgehen im Nachthemd vor dem Spiegel oder ein scheues Kind hinter einem Spitzenvorhang. Immer zeugt das Bild von der jungen Vertrautheit zwischen den Porträtierten und der Fotografin. Der visuelle Chronist Daniel Schwartz (*1955) zeigt ‹Afghanistan - unser Dreissigjähriger Krieg›. Seit 1995 bereist er das Land und dokumentiert diesen sinnlosen Krieg in gewagten Nahaufnahmen. Ein überraschendes Bild zeigt einen mit Schutzbrille bewehrten, am Boden sitzenden Mann, der mit einem langen Besenstiel Popcorn rührt - und uns ein Lächeln entlockt. Dann gehts über Zanele Muholis (*1972) selbstbewusste Porträts von Schwarzen aus den unterdrückten südafrikanischen Gay Communities nach Asien, wo Georg Aerni (*1959) rasant sich verändernde Wohnsituationen in Mumbai und Shanghai in klar strukturierten Aufnahmen festhält. Die zwangsweise umgesiedelten Bewohner geben nicht auf, sie behaupten sich am neuen Ort, aber anders, als behördlich vorgesehen ist. Die fotografische Recherche ‹Salt Cedar› von Elisa Larvego (*1984) führt zu einer kleinen Brücke am Rio Grande zwischen Mexiko und Kalifornien, die «aus politischen Gründen» abgebrochen wurde. Das Fehlen der Brücke macht nun aus dem Schulweg der Kinder eine dreistündige Fahrt. Die Fotografin geht nah an die Menschen heran, interessiert sich für ihre alltäglichen Sorgen. Im letzten Saal fehlen die Menschen auf den Fotografien fast gänzlich. Zehn Kilometer ist Naoya Hatakeyama (*1958) entlang der Schnellstrasse Yamate-Dori gelaufen und hat dabei Geländer, Absperrungen, Treppen dokumentiert - ein Liniengewirr, wie Fussgänger es sähen, wenn sie sich Zeit nehmen würden. Die konzeptuelle Arbeit ‹Tracing Lines / Yamate-Dori› reiht urbane Banalitäten kunstvoll aneinander. Klick. Klick. Klick. Die gewöhnlichen roten Verkehrstöggel erscheinen wie kecke Stadtgeister, als Grüppchen versammelt, allein an einer Ecke oder säuberlich in einer Reihe. Hatakeyama: «The photograph is like a boat carried to the future endlessly even if the vision one sees comes from the past.» Die Fotografie wird «wie ein Boot» stets in die Gegenwart getragen, wo wir ihr begegnen. Im Helmhaus ist es die Begegnung mit einem bunten Spektrum sehr individueller Blicke auf unterschiedliche Lebenswelten.

Bis: 26.01.2014


‹Welt-Bilder 5›, Katalog; Konzert mit Kamilya Jubran und Werner Hasler, am 15.1.



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen Welt-Bilder [04.09.05-30.10.05]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Madeleine Panchaud de Bottens
Künstler/in Tobias Zielony
Künstler/in Daniel Schwartz
Künstler/in Naoya Hatakeyama
Künstler/in Georg Aerni
Künstler/in Elisa Larvergo
Künstler/in Bieke Depoorter
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