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Fokus
3.2014


 Die Künstlerin Delphine Chapuis Schmitz ist aktuell mit zwei ambitionierten Projekten in Zürich präsent. Im Haus Konstruktiv führt sie das Publikum mit Hilfe eines Audioguides bis in die hintersten Ecken des Hauses. Im zweiten Projekt, einer Kooperation mit dem Corner College, schreibt sie die Webseite des Kunstraums in ein interaktives poetisches Text-Werk um. Dabei nutzt die Künstlerin das jeweilige institutionelle Setting geschickt für ihre Zwecke.


Delphine Chapuis Schmitz - Poetische Paratexte


von: Pablo Müller

  
links: Gruppenausstellung, 2013, Ton 4'11', 3 iShuffles mit Kopfhörer, 1 Bank, Ansichten der Audioinstallation in einer fiktiven Gruppenausstellung im Piano Nobile, Genf
rechts: Spätnachmittags, früh am Abend, 2013, Zerrissenes Plakat, Inkjet auf Blueback-Papier, 160x220cm.


Bereits an der Fassade des Museum Haus Konstruktiv kündigt eine über der Museumsbeschriftung angebrachte Nummer die Audiotour von Delphine Chapuis Schmitz an. Die Platzierung der Nummer - sie ist wie eine hochgestellte Fussnote hinter den Schriftzug gesetzt - verweist auf die Rolle, welche die Audioarbeit spielen soll. Sie will ­Paratext sein; den offiziell präsentierten Text mit Anmerkungen, Verweisen, Kommentaren begleiten und dadurch erweitern.
Vor dem Master in Bildender Kunst, den Chapuis Schmitz an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert hat, studierte sie an der Pariser Sorbonne Philosophie und in diesem Fach doktorierte sie auch. Das Verhältnis von Sprache und Welt, das sie als Philosophin besonders interessierte, spielt auch in ihrer Kunst eine wichtige Rolle. Die analytische Philosophie, die mit den Mitteln der Logik dieses Verhältnis eindeutig zu bestimmen versucht, ist in der Kunst in eine unüberschaubare Vielheit der Möglichkeiten gewendet. Dazu meint Chapuis Schmitz: «Meine Kunst ist keine Illustration philosophischer Überlegungen. Doch hat mich dieses Denken für die Vielheit der Möglichkeiten sensibilisiert. Und das ist es, was mich in meiner künstlerischen Arbeit interessiert: Ich versuche, die Potenzialitäten, die an einem bestimmten Ort, in einem spezifischen Kontext enthalten sind, erfahrbar zu machen.»
Empirisch konkrete Begebenheiten bilden dabei oft den Ausgangspunkt der künstlerischen Untersuchung. In ‹Spätnachmittag, früh am Abend›, 2013, mit einem Werkbeitrag des Kantons Zürich gewürdigt, beschreibt die Künstlerin die vorgefundene Situation an einem Spätnachmittag: die Lichtverhältnisse, wahrgenommene Geräusche, hinterlassene Gegenstände, Farbspuren an den Wänden, die Temperatur im Raum. Den auf ein 160x220 cm grosses Blueback-Papier gedruckten Text klebte sie direkt auf die Wand und riss anschliessend Stücke des Plakats wieder weg. Damit nimmt sie die geschilderte ephemere Raum-Zeit-Situation visuell auf. In zeitlicher Versetzung - die Präsentation fand einige Wochen nach der beschriebenen Situation statt - verweist die Arbeit auf die an diesem konkreten Ort potentiell vorhandenen Zustände und zeigt so, wie vieldeutig auch das scheinbar empirisch Objektive ist.

Konkrete Kunst aktualisiert

Das Projekt im Haus Konstruktiv ist über die Laufzeit von zwei Ausstellungen als eine Art parallele Einzelausstellung konzipiert. Die im Audioguide von der Künstlerin gesprochenen Passagen, oft nicht länger als ein paar Sätze, sind Auszüge aus Künstlertexten, aus wissenschaftlichen Publikationen, literarischen Schriften und selbst verfasstem Material. Auch im Haus Konstruktiv wird die vorgefundene räumliche Situation mit dem Medium Sprache verknüpft. Zu einer Nummer, direkt neben dem Schalter des Rauchabzugs platziert, hört man über die Kopfhörer: «What we are dealing with here is a series of clues that can be used to create future memories.» In unseren Köpfen beginnt ein assoziatives, teils witzig absurdes, teils poetisches Spiel zwischen dem vor uns liegenden Gegenstand und seiner durch die Sprache evozierten Bedeutung. Die Audiotour lenkt die Aufmerksamkeit auf die architektonischen Begebenheiten, aber ebenso auf die Institution und deren Rolle in der Bewahrung und Aktualisierung des Erbes der Zürcher Konkreten. Schon die bis in den hintersten Winkel des Hauses gelegten Nummern sind eine Art Vermessung und erinnern als solche an die Strategien der Konkreten. Legten diese ihren Werken doch oft Zahlen zugrunde und nutzten das Mathematische als Richtschnur. So vermitteln einzelne Hörstationen direkte Verweise auf die Tradition der konkreten und konstruktiven Kunst. An einer Station wird beispielsweise die Inventarliste der Sammlung des Haus Konstruktiv gelesen, während an einer anderen die lexikalische Definition des Begriffs «konkret» zu einer Art lautmalerischem Gedicht umgedeutet wird.

Poesie der Webseite
In dem in Kooperation mit dem Corner College entstandenen Projekt bearbeitet Chapuis Schmitz die auf der Webseite gefundenen Texte wie eine Bildhauerin. Den vorhandenen Textkorpus, also Veranstaltungsankündigungen, Selbstbeschreibungen der Institutionen, biografische Angaben zu beteiligten Personen, nutzt sie als Rohmaterial und haut mit Hilfe eines Programmierers gewisse Stellen raus. Dazu sagt die Künstlerin: «Texte sind mein Material. Ich wähle sie aus, bearbeite und benutze sie in einem jeweils bestimmten Kontext.» Während der Laufzeit des Projektes bleiben so auf der jeweiligen Seite lediglich die von der Künstlerin ausgewählten Passagen sichtbar. An einer Stelle sind dies einzelne Begriffe, an einer anderen ergeben die gewählten Worte einen sinnvollen Satz, und an wieder anderer Stelle bleibt die Bedeutung offen. Die Nutzer/innen können mit dem Curser über die Seite fahren und so Teile des ursprünglichen Textes wieder zum Vorschein bringen und damit neue Bedeutungen freilegen. Oft setzt die Künstlerin grafische Elemente wie Rahmen, Trennstriche und Leerraum gezielt ein. Dabei entsteht ähnlich wie in der konkreten Poesie ein Wechselspiel zwischen den Worten und ihrer visuellen Präsentation.
Die von Chapuis Schmitz hier entwickelte ‹konkrete Poesie› ist jedoch weit davon entfernt, ihre Bedeutung allein aus den Worten und deren visueller Anordnung zu erhalten. Vielmehr bringt sie in ihrer Intervention auf der Webseite der Kunstinstitution die institutionellen Bedingungen mit ins Spiel. Der Eingriff in die bestehende Webseite ist nachhaltig und das Corner College nimmt einiges in Kauf. Es ist kaum mehr möglich, sich sinnvoll über die laufenden Veranstaltungen zu informieren. In diesem Sinne unterläuft die Arbeit die vermittelnde und informierende Funktion der Webseite und führt diese ad absurdum. Doch wäre es zu kurzsichtig, die beiden Projekte lediglich als institutionskritische Geste zu lesen. Denn Chapuis Schmitz geht es weniger darum, normative Strukturen und die in Kunstinstitutionen wirkenden ökonomischen Kräfte offenzulegen. Viel eher nutzt sie die institutionellen Strukturen und erweitert deren mediale Möglichkeit als poetische Bedeutungsträger.
Pablo Müller, Kunstkritiker und Kunsthistoriker, lebt in Zürich. pablomueller@gmx.net


Bis: 07.09.2014



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Delphine Chapuis-Schmitz [20.03.14-05.04.14]
Ausstellungen Delphine Chapuis-Schmitz [27.02.14-07.09.14]
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Institutionen Corner College [Zürich/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Delphine Chapuis-Schmitz
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