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Fokus
3.2014


 Die Hochschule Luzern (HSLU) hat in Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ein Forschungsprojekt ini­tiiert, das unter dem Titel ‹Stadt auf Achse› das Potential von Kunst in Stadtentwicklungsprozessen befragt. Rachel Mader, Leiterin des Projekts, und Stefan Wagner, verantwortlich für ­Zürich, im Gespräch mit Brita Polzer.


‹Stadt auf Achse› - Kunst für belastete Strassen


von: Brita Polzer
von: Rachel Mader
von: Stefan Wagner

  
links: Begehung der Wehntalerstrasse in Zürich am 1.10.2013 mit den Künstler/innen El Frauenfelder, Daniel Rober Hunziker, Christian Ratti, Bastien Aubry, Dimitri Broquard und Thomas Galler. Begleitet wurden sie von Stefan Wagner und drei Personen vom Tiefbauamt: einem Verkehrsplaner, einem Quartiermanager und einer Gestalterin öffentlicher Raum. Fotos: Natalie Madanie
rechts: Bastien Aubry/Dimitri Broquard · Smokey, der Skulpturen-Grill im Do-it-yourself-Stil, soll einen Ort für Geselligkeit herstellen.


Polzer: Im Fokus stehen drei städtische Achsen, die aufgrund ihrer hohen Emissionsbelastung problematisch sind: die Wehntaler- und die Hohlstrasse in Zürich sowie die Achse Kasernenplatz Reussbühl in Luzern. Kann Kunst etwas bewirken gegen die Belastungen durch Strassenverkehr?

Mader: Das Interesse galt zum einen partizipativen künstlerischen Vorgehensweisen, die für die Entwicklung der Projekte seitens der Kunstschaffenden zur Bedingung gemacht wurden. Zum andern schienen uns Achsen, an denen grössere bauliche und stadtplanerische Massnahmen nicht möglich sind, besonders geeignet, um Projekte durchzuführen, die von der Teilhabe der Direktbetroffenen ausgehen, die sich also auf sozialer und kultureller Ebene abspielen. Es geht nicht darum, dass Kunst bestehende städtebauliche Probleme lösen muss. Das Versprechen ist eher so zu verstehen, dass partizipative Kunst Ressourcen aktivieren kann, an die vorher nicht gedacht wurde. Der Entscheid für Partizipation fiel auch deswegen, weil die Identifikation der lokalen Bevölkerung Grundlage ist für die Akzeptanz jeglicher ortsspezifischer Initiativen. Die Anwohner/innen sollen die künstlerischen Projekte mittragen und die damit verbundenen Ideen gleichsam als Multiplikatoren weitergeben.

Polzer: Vorgesehen sind drei verschiedene Modelle der Partizipation: a) die Quartierbevölkerung kann mitbestimmen, welches Projekt realisiert werden soll, b) die Künstler/innen sollen direkt die Bevölkerung vor Ort oder c) die Verwaltung miteinbeziehen.

Mader: Generell ist es den Kunstschaffenden überlassen, wie sie mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Für b) besteht allerdings die Auflage, sich mit denjenigen Kreisen in Verbindung zu setzen, die wenig oder kaum organisiert sind. Wohl können die offiziellen Quartiervereine durchaus mitmachen, aber vor allem sollen just jene einbezogen werden, die bis anhin noch keine Stimme hatten. Bei c) liegt der Fokus auf der Frage, wie die in jedem Fall stattfindende Zusammenarbeit mit der Verwaltung produktiv genutzt werden kann.

Polzer: Während die traditionellen Kunst-am-Bau-Aufträge überwiegend an regionale Künstler/innen vergeben wurden, trifft man heute in diesem Bereich häufig auch auf internationale grosse Namen von Nicht-Schweizer/innen. ‹Kunst auf Achse› bezieht nun wieder ausschliesslich regionale Kunstschaffende mit ein, teilweise kaum bekannte. Warum?

Mader: Zum einen schienen uns die jeweiligen Ausgangslagen derart komplex und spezifisch zu sein, dass bestimmte Vorkenntnisse fast zwingend vorhanden sein müssen. Zudem ist es uns wichtig, dass die Künstler/innen vor Ort sind und die intensive Auseinandersetzung mit «Land und Leuten» effektiv stattfindet.

Wagner: Man muss aber auch betonen, dass es in Zürich äusserst spannende und ­unterschiedlich arbeitende Kunstschaffende gibt, die noch nie in einem solchen Kontext aufgetaucht sind.

Polzer: Stefan, könntest du in Bezug auf das Projekt in der Wehntalerstrasse (Variante a) beschreiben, auf welche Art bis anhin die Bevölkerung einbezogen wurde. Im Programm ist zu lesen, hier solle die Partizipation darin bestehen, Vertreter/innen aus dem Quartier «mit der Entscheidungskompetenz über die Auswahl und Realisierung» der Kunstprojekte zu versehen. Wie geschieht das, wie werden wahrscheinlich grossenteils kunstfremde Personen zu «Expert/innen» gemacht und was dürfen sie entscheiden?

Wagner: Wir haben ein Quartierexpertengremium zusammengestellt, mit dem wir verschiedenste Interessen in Bezug auf die Wehntalerstrasse zu erforschen suchten und neue Formen der Teilhabe ausprobierten. Das Forschungsteam leistete keine Kunstvermittlungsarbeit, sondern setzte auf die Verständlichkeit der Konzepte und die Präsentationen der Kunstschaffenden. Von den Quartierexpert/innen hofften wir ein Bild zu erhalten, wie man vor Ort über experimentelle Kunst und das Quartier denkt. Es stellte sich heraus, dass man eher zu bekannten Formaten tendiert, weil diese besser zugänglich sind. Materialisierende Formate wurden favorisiert, aber auch solche, die einen «Nutzen» nahelegen.

Polzer: Eine Fachjury hatte im Vorfeld zehn in Frage kommende Positionen ausgewählt. Von diesen schied das Quartiergremium fünf weitere aus, so dass El Frauenfelder, Daniel Robert Hunziker, Christian Ratti, Bastien Aubry/Dimitri Broquard und Thomas Galler übrig blieben. Mitte November haben diese Künstler/innen ihre Projekte in Affoltern öffentlich vorgestellt, das Publikum entschied sich danach für das Projekt von Christian Ratti, das vorsieht, mithilfe von Leitern in Gullis gefallene Kröten und Lurche zu retten. Welche Projekte werden nun an der Wehntalerstrasse realisiert?

Wagner: Der Entscheid des Publikums am Präsentationsabend diente nur als ein beratender Hinweis für das Gremium. In einer differenzierten Diskussion entschied sich dieses dann für ‹Smokey›, einen Skulpturen-Grill von Bastien Aubry/Dimitri Broquard, weil er einen Treffpunkt schaffen kann, und für ‹¿Sehenswürdig?› von Daniel Robert Hunziker, weil es neue Sichtweisen aufs Quartier ermöglicht und auch publikumswirksam ist. Die beiden Gewinner haben nun je CHF 10'000 Produktionsbudget zur Verfügung, wovon CHF 2'500 als Honorar eingeplant sind.

Die Ausführenden sind: für die Achse Kasernenplatz-Reussbühl in Luzern (Variante b) Frank und Patrik Riklin, Philip Matesic und Rahel Grunder; für die Hohlstrasse Zürich (Variante c) Karen Geyer, postfossil.Designgruppe und Relax (Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser). Realisation voraussichtlich im Sommer 2014, Gesamtauswertung Ende des Jahres.
‹¿Sehenswürdig?› von Daniel Robert Hunziker besteht aus vier Strassenmalereien, realisiert nach vom Künstler aufgenommenen Fotografien aus dem Quartier.



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Ausgabe 3  2014
Autor/in Brita Polzer
Autor/in Rachel Mader
Autor/in Stefan Wagner
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