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Besprechung
3.2014


Verena Kuni :  Die Dynamik des Spiels ist verflogen, der Rhythmus aus Wurf, Flug und Aufprall allenfalls noch fernes Echo der Erinnerung. Mattes Schwarz überzieht den Ball wie mit der Galle der Melancholie, die Oberfläche ist aufgerissen: Ein versehrter Klumpen Materie, der die Anti-These seiner früheren Existenz verkörpert.


Frankfurt/M : ‹Vom Dasein zum Sosein› - Der Stand der Dinge


  
links: Sofia Hultén · Megaconglomerates, 2011, Staub, Kunstharz, 101 Stück; an den Wänden: Gatefold 02 und 04, 2012, Metall, 42x37x41 cm bzw. 50x37x41 cm, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Courtesy Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf ©ProLitteris. Foto: Norbert Miguletz
rechts: Simon Rübesamen · Ausstellungsansicht, 2014, Frankfurter Kunstverein. Foto: Norbert Miguletz


Nachgerade exemplarisch lässt das Objekt, o. T., 2012, des Amerikaners Michael E. Smith (*1977) die Bewegung ‹Vom Dasein zum Sosein› nachvollziehen, die der Ausstellung den Titel gibt. So unterschiedlich die Arbeiten und künstlerischen Positionen sind, in der Zusammenschau entsteht ein Bild, das Auskunft über den Stand der Dinge geben kann - darüber, wie heute von zeitgenössischen Künstler/innen das Verhältnis von Materialität, Objekt und Gegenstand behandelt wird.
Ohne dafür Verweise auf den «material turn» oder die neuerliche Hinwendung zur Materialästhetik bemühen zu müssen, die mit Blick auf die Digitalisierung und - scheinbare - Entmaterialisierung des Alltags angeführt werden: Dass Materialqualitäten, das Verhältnis von Oberfläche und Volumen, die Relation von Objekt und Raum, kurzum: klassische Fragen der Bildhauerei und Plastik eine Rolle spielen, ist nicht zu übersehen. Wenn Peter Buggenhout (*1963) riesige Kuhmägen über rostige Metallständer zieht und so die Begegnung von Stahlplastik und Informe aufruft, ‹Mont Ventoux›, 2008, 2013, wenn Marina Anisimowa (*1984), Sabine Kühnle (*1968) oder Andrea Winkler (*1975) aus Alltagsgegenständen und -materialien Assemblagen konstruieren, die als Porträts und Bühnenbilder funktionieren, oder wenn Simon Rübesamen (*1976) einen Raum mit Figuren füllt, deren organische Formen aufgrund ihrer Farbigkeit und ihrer glänzenden Oberflächen an Prototypen industrieller Fertigung erinnern: Dann ist das Spektrum der verwendeten Materialien, Verfahren, Techniken und Referenzen denkbar breit. Und doch scheint so etwas wie ein gemeinsamer Nenner auf.
Man möchte ihn, im Verweis auf die gleichnamige Avantgarde der Moderne, mit dem Begriff Surrealismus fassen. Weniger, weil beim Rundgang tatsächlich Namen von Arp bis Duchamp in den Sinn kommen. Entscheidend ist vielmehr, dass hier durch die Transformationen und Metamorphosen der Dinge eine weitere Dimension von Wirklichkeit entsteht.
Auf den Punkt bringt dies Sofia Hultén (*1972), indem sie Steine sammelt, von ihnen Gussformen abnimmt und sie zu Pulver zermahlt, um hieraus neuerlich Steine zu giessen. Diese teilen Gestalt und Substanz mit ihren Ahnen und doch sind sie verwandelt, zu Anderem geworden. Die Sprache der Steine jedenfalls kennt das Wort: Surrealität.

Bis: 13.04.2014



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Vom Dasein und Sosein [24.01.14-13.04.14]
Institutionen Frankfurter Kunstverein [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Michael E. Smith
Künstler/in Peter Buggenhout
Künstler/in Simon Rübesamen
Künstler/in Sofia Hultén
Künstler/in Sabine Kühnle
Künstler/in Marina Anisimowa
Künstler/in Andrea Winkler
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