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Besprechung
3.2014


Daniel Morgenthaler :  Ein ungewohnt mobiles Kunst und Bau-Projekt bewegt sich seit Kurzem durch den Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten. Wer den Schlüssel beim Sekretariat holt - und die Schuhe auszieht - darf in dieses fenster- und bücherlose Studiolo eintreten.


Olten : Ronny Hardliz/Jürg Orfei - Urbino-Olten einfach



Ronny Hardliz/Jürg Orfei · Studiolo ©ProLitteris. Foto: Hans Grob


Die Stadt an der Aare ist keine schottische Insel, schon klar. Irgendwie aber doch, neuerdings: Auf der schottischen Insel Arran steht das Bürglein Lochranza, das Hergé zu den Architekturen im Tim und Struppi-Band ‹Die schwarze Insel› inspiriert hat. Will man es besichtigen, muss man den Schlüssel in einem Kiosk daneben holen. Zuerst wird er einem prompt verwehrt; erst, wenn man enttäuscht ein Snickers gekauft hat, bekommt man ihn doch noch. Einen Schokoriegel muss man am Empfang des Oltener Neubaus der Fachhochschule Nordwestschweiz - ein wenig spektakuläres, langgezogenes Gebäude, das parallel zur Bahn verläuft - nicht kaufen, um einen Schlüssel zu bekommen. Aber man muss versprechen, vor dem Eintreten in eine überdimensionierte Holzkiste mit aussenliegender Tragstruktur die Schuhe auszuziehen. Sind Vorhängeschloss an einer kleinen Türe an diesem Konstrukt - das sehr mobil auf einem Palettrolli steht und vom Hauswart verschoben werden darf - und Schuhwerk entfernt, tritt man ein. Und sieht eigentlich genau das, was man auch sehen würde, wäre man draussen geblieben: Die präzisen Holzintarsien, die im Innern sämtliche Wände bedecken, machen sich quasi selbst unsichtbar. Sie zeigen perspektivisch korrekt das, was man anschauen könnte, wenn man an derselben Stelle ausserhalb des Konstrukts stünde, also den überdachten Gebäudeinnenhof um die Kiste herum. Einziges ergänztes Detail: Im engen, aber hohen Zimmerchen drin sieht man Papierblätter (ebenfalls als Holzintarsien) umherschweben - vielleicht das Wissen, das hier in die Welt hinausgeweht wird? Oder vielmehr vom vielen Halbwissen verblasen wird?
Man darf solange in diesem Studiolo bleiben, wie man will. Das Künstlerduo Ronny Hardliz/Jürg Orfei hat es nach dem Vorbild des berühmten Studiolo im Palazzo Ducale Urbino fertigen lassen, einem kleinen Studierzimmer, bei dem Bilder aus Holz­intarsien - zum Beispiel von nicht vorhandenen Büchergestellen - ebenfalls eine Welt suggerieren, die durch dasselbe Holz ausgeschlossen wird. Die Wettbewerbseingabe von Hardliz/Orfei beinhaltete ursprünglich auch ein Reisestipendium, mit dem Studierende zum Beispiel nach Italien - oder nach Schottland - hätten reisen können. Die Jury entschied sich aber, dem Studiolo stattdessen Wandarbeiten der Baslerin Verena Thürkauf dazuzugesellen, die nun weniger mobil, aber ebenfalls erfrischend unmonumental geraten sind. Fällt das Geld für eine Reise auf die Insel weg, richtet man sie sich einfach in Olten ein.



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Ausgabe 3  2014
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Ronny Hardliz
Künstler/in Jürg Orfei
Link http://www.fhnw.ch
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