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Besprechung
3.2014


Verena Kuni :  Das unbekannte Meisterwerk im gleichnamigen Roman von Balzac bleibt unvollendet - ein Bild des Scheiterns. Ganz anders dagegen die unsichtbaren Bilder, die Bruno Jakob malt: Gern lädt er dazu ein, ihm bei der Arbeit beizuwohnen. Er weiss: Letztlich entsteht jedes Werk erst in den Blicken derer, die es betrachten.


Siegen : ‹At Work› - Der Künstler bei der Arbeit


  
links: Karin Sander · Mailed Paintings, ab 2006, Installationsansicht Museum für Gegenwartskunst Siegen ©ProLitteris. Foto: Sabine Reitmaier
rechts: Bruno Jakob · Somewhere Now, 2013, Ausstellungsansicht Museum für Gegenwartskunst Siegen. ­ Foto: Sabine Reitmaier


So leichter Hand der in New York lebende Schweizer (*1954) sein Schaffen anzugehen scheint, so präzis bringt er nicht nur Theorie und Praxis des Bildes auf den Punkt - sondern lieferte mit seiner Performance zur Eröffnung auch einen denkbar passenden Auftakt zur Schau im Siegener Museum für Kunst der Gegenwart: ‹At Work. Atelier und Produktion als Thema der Kunst heute›.
Der Künstler bei der Arbeit: Ein klassisches Sujet, das kaum zufällig in der Moderne eher an Bedeutung gewonnen denn verloren hat und bis in die jüngste Gegenwart immer wieder zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird. Geht es hier doch im Kern um nichts anderes als die Klärung der Frage, unter welchen Voraussetzungen Kunst entstehen kann.
Dass diese Frage auch heute immer wieder ins Atelier führt, wundert nicht - zumal vor dem Hintergrund der Tradition, die das Bild von Kunst und Künstlern prägt. In der Schau sprechen davon nicht zuletzt jene Beiträge, die sich mit dem Topos und seinem Charisma befassen - etwa der Film ‹Edwin Parker›, 2011, von Tacita Dean (*1965), der in die Arbeitsräume des Malers Cy Twombly führt, oder das Video ‹Cleaning up the Studio›, 2010, für das Christian Jankowski (*1968) die museale Rekonstruktion des Ateliers von Nam June Paik von einer Reinigungsfirma aufräumen liess.
Kunst kann indessen überall entstehen, wenn der Rahmen gesetzt und die Handlung zum performativen Akt erklärt, Gegenstände, Medien und Menschen zu Zeugen werden. Je auf ihre Weise verweisen hierauf, neben Jakob, auch Giorgio Sadotti (*1956), dessen mit Peitschen bearbeiteter Flügel sich im stummen Dialog mit den Marterwerkzeugen zeigt, oder Mai-Thu Perret (*1976), in deren Installation eine Schaufensterpuppe zugleich als Stellvertreterin, Betrachterin und Betrachtete firmiert, die mit uns auf den in einer früheren Performance bemalten Teppich blickt.
Immer wieder kommt so mit dem Arbeits- auch der Werkbegriff ins Spiel. Selten jedoch sieht man ihn so souverän vor die Ateliertüre gesetzt und aus der Hand gegeben wie bei Karin Sander (*1957), die seit 2006 ihre ‹Mailed Paintings› von Ausstellung zu Ausstellung schickt: Da den unverpackten Leinwänden auf Reisen alles widerfährt, was sorgsame Kunsttransporte vermeiden, ist eine jede ein Original, das idealerweise niemals vollendet wird - ein unbekanntes Meisterwerk im nimmer ­endenden Reiseglück.

Bis: 09.03.2014



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen At Work [17.11.13-09.03.14]
Institutionen Museum für Gegenwartskunst [Siegen/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Bruno Jakob
Künstler/in Karin Sander
Künstler/in Christian Jankowski
Künstler/in Mai-Thu Perret
Künstler/in Giorgio Sadotti
Künstler/in Tacita Dean
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