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Besprechung
3.2014


Dominique von Burg :  Guillermo Kuitca zählt zu den bedeutendsten Künstlern Lateinamerikas. Er transformiert Architekturpläne und Landkarten in Malerei und konfrontiert sie mit einer enzyklopädischen Schau der Welt. Inmitten von verschwimmenden Grenzen und überflutenden Informationen drohen wir verloren zu gehen.


Zürich : Guillermo Kuitca - Verdichtete Erinnerung


  
Guillermo Kuitca · Encyclopédie III, 2010, Acryl und Grafit auf Leinwand, 196x151 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Alex Delfanne


Die Werke des Argentiniers Guillermo Kuitca (*1961, Buenos Aires) kreisen leitmotivisch um die Themen Architektur, Theater, Musik und Kartografie. Der Künstler zeichnet oder malt Stadtpläne, Landkarten und Grundrisse, oder er verarbeitet die Bestuhlungspläne berühmter Theater und Konzertsäle zu weiss schimmernden Diagrammen auf monochromem Hintergrund. Kuitca vermisst die Welt neu und bringt neben komplexen räumlichen Zusammenhängen auch die Beziehungsgeflechte zwischen Menschen und Orten ans Licht. In den vielschichtigen Karthografien haben sich Phänomene, Prozesse und Erinnerungen eingeschrieben und teilweise symbolisch verdichtet. So überlagern sich in den Zeichnungen - losgelöst von den tatsächlichen Gegebenheiten - Realität und Fiktion und atmosphärisch aufgeladene, atmende räumliche Geflechte entstehen.
Mit den Arbeiten ‹L'Encyclopédie Nos. I, II, III, IV, VI›, die Teil einer fortlaufenden Serie sind, bezieht sich der Künstler auf Gravuren von architektonischen Grundrissen - hauptsächlich von barocken Kirchen in Paris -, wie sie in der von Denis Diderot im 18.Jh. herausgegebenen ‹Encyclopédie› dargestellt sind. Erst druckte er Faksimiles der Pläne auf Fotopapier aus, das er dann mit Wasser bearbeitet. Die so entstandenen Versionen überträgt er mit einer Art Blaupause auf die Leinwand. Dabei beschränkt er sich auf die Umrisslinien, die er dann von Hand mit Grafit nachzieht. Schliesslich lösen sich die Fliessenmuster auf, sodass sie bald puzzleartig zu explodieren, bald ineinanderzudriften scheinen. Gewisse Bereiche sind mit Schraffuren oder Lochmustern verdichtet, andere lösen sich in lichten Hintergründen auf.
Aus Distanz wirken die Gemälde abstrakt, aus der Nähe sind die Details deutlich erkennbar. Sie erinnern an surrealistische Kompositionen, zugleich an mittelalterliche Palimpseste, auf denen ältere, überschriebene Notate durchschimmern. Auf vergleichbare Weise verfuhr der griechische Architekt Dimitris Pikionis (1887-1968), als er ab 1951 im Rahmen einer Landschaftsgestaltung rund um die Athener Akropolis Fussgängerwege anlegte und dabei antike Spolien wiederverwendete. Damit entstand der Eindruck, dass der Weg aus der Antike stamme und seine derzeitige, mäandrierende Form die Veränderung der Landschaft im Wandel der Zeit nachzeichne. Das Versprechen, die Zeit zu überdauern, scheint auch in den wie Grisailles oder alte Gobelins anmutenden Zeichnungen von Kuitca auf.

Bis: 14.03.2014



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Guillermo Kuitca, Roman Signer [18.01.14-14.03.14]
Institutionen Hauser & Wirth Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Guillermo Kuitca
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