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Besprechung
3.2014


Dominique von Burg :  Weit davon entfernt, klassischen skulpturalen Schönheitsidealen zu genügen, verlieh Germaine Richier dem Unschönen geistige Dimensionen. Abseits von avantgardistischen Strömungen ging die Ausnahmekünstlerin unbeirrt ihren Weg. Nun ehrt das Kunstmuseum Bern das Œuvre mit einer Retrospektive.


Bern : Germaine Richier - Insektenfrauen und mythische Gestalten


  
links: Germaine Richier · La Chauve-souris, 1946, Bronze, 91x91x52 cm ©ProLitteris. Foto: Thierry Dehesdin
rechts: Germaine Richier travaillant sur L'Eau, archives F. Guiter ©ProLitteris. Foto: Ernst Scheidegger


Berühmt wurde Germaine Richier (1902-1959) mit ihren Insektenfrauen: hybriden Figuren von Ameisen, Heuschrecken, Spinnen mit menschlichen Gliedmassen, Gesichtern und Brüsten. Die Plastiken sind schrundig aufgerissen und teilweise mit rechteckigen Flächen hinterfangen. Oft sind sie mit Drahtverspannungen versehen, womit die französische Bildhauerin den Figuren Halt verlieh, sie aber auch einengte. In diesem Zwiespalt erinnern sie an Francis Bacons ‹Käfige›. Gleichzeitig werden die Gestalten auf das Existenzielle reduziert und die Werke rücken damit in die Nähe von Alberto Giacometti. Manche Modelle umhüllte die Künstlerin mit in Wachs getränkten Hanffäden und liess so im Guss besonders feine Strukturen entstehen, so etwa in den durchbrochenen Flügeln von ‹La Chauve-souris›, 1946.
Richier fühlte sich der Natur eng verbunden, auch dem Absonderlichen, Unheimlichen, Hässlichen und Unbegreiflichen. Ihre Werke versöhnen den Menschen mit der Natur, verschmelzen anthropomorphe Formen mit Baumstümpfen, Weinreben und Knochen. Obwohl Richier ihr Werk als «im Wesentlichen surrealistisch» bezeichnete, entspringt ihr Schaffen kaum surrealistischen Einfällen, sondern dem Nachspüren mythischer Quellen ihrer südfranzösischen Heimat, wie die kryptischen Bronzen ‹Cheval à 6 têtes›, 1954-56, oder ‹L'Homme de la nuit, grand›, 1954, zeigen.
In ‹L'Homme-forêt›, 1956, ersetzte Richier Teile des Körpers durch Objets trouvés und liess mit diesem kühnen Kunstgriff - der ihr den internationalen Durchbruch brachte - die von ihrem Lehrer Antoine Bourdelle geprägte figürliche Kompositionstechnik auf Basis von Dreiecken endgültig hinter sich. Ihre weiblichen Wesen heben sich von der damals dominierenden männlichen Formensprache ab. Dies zeigt ‹L'Ouragane›, 1948/49, mit einer nackten Frau, die naturhaft ganz in sich ruht und sich gleichzeitig dem Erlebnis des Sturms aussetzt. In ihrem Todesjahr war Richier bereits eine internationale Grösse. Die thematisch angeordnete und packend inszenierte Retrospektive ermöglicht es, Richiers Werk wieder neu in ungebrochener Aktualität zu erleben und in den Kontext von Auguste Rodin, Pablo Picasso, Francis Bacon, Max Ernst oder zu Meret Oppenheim zu stellen. Spannend ist sicher auch der Vergleich mit der von langer Hand geplanten Schau des Bildhauertrios Alberto Giacometti, Germaine Richier und Marino Marino, die parallel bis Ende April im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne läuft.

Bis: 06.04.2014



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Germaine Richier [27.02.14-12.04.14]
Institutionen Dominique Levy [New York/USA]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Germaine Richier
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