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3.2014




Not Vital


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Not Vital · Sitting on my Face, 1999, Carraramarmor, 33x24x23 cm
rechts: Not Vital · My Noise in the Room, 2005, Klebeband und Bleimine auf Papier, 43x35 cm


Not Vital (*1948, Sent) hat mittlerweile den Status eines internationalen Kunststars erreicht: Er arbeitet in Ateliers und an Projekten auf allen Kontinenten, wird von mächtigen Galerien vertreten und ist regelmässig an Biennalen präsent. Seine Schweizer Ausstellungsgeografie wirkt hingegen bizarr ausgetrocknet. Nach der letzten Soloschau in Schaffhausen 2002 und der letzten Grossinstallation in Lugano 2007 holt ihn nun aber Christian Rümelin, Leiter des Cabinet d'art graphique am Musée d'art et d'histoire, wieder mit der nötigen Sorgfalt in den hiesigen Diskurs zurück.
Entstanden ist eine Schau, die für einmal nicht auf die grosse Geste setzt. Sie konfrontiert rund ein Dutzend Arbeiten auf Papier in unterschiedlichsten Zeichen-, Collage- und Drucktechniken mit etwa gleich vielen Skulpturen bzw. Multiples. Die beschränkte Auswahl lässt die Heterogenität besonders deutlich hervortreten und zeigt zugleich, was die Werke zusammenhält. Wie es der romanische Ausstellungstitel ‹tanter› vorschlägt, geht es um den Wahrnehmungsfluss zwischen dem unerschrocken Hingeworfenen und dem gefährlich Verfeinerten, um bzw. ‹Erfahrungsräume› und ‹Erwartungshorizonte› - um die im Katalog benutzten treffenden Begriffe Reinhard Kosellecks aufzugreifen.
Die simplen Zeichnungen und Collagen wie etwa ‹My Noise in the Room›, 2005, erweisen sich als Ideenbasis für die in Kollaboration mit Handwerkern, Ingenieuren und Architekten perfektionierten Werke. Der Schlüssel zu der immer wieder innovativen Integration von Fremdem findet sich in der Artikulation einer elementaren Sinnlichkeit: Die an den Anfang gestellte Büste aus Carraramarmor ‹Sitting on my Face›, 1996, feiert den Weg vom Oralen zum Analen. Gleichzeitig verbinden Abgüsse und Drucke von Kalbszungen das Phallische und die Sprache oder weisen auf die Symbiose von Mensch und Tier im Unterengadin. Fünf Muranoglaskugeln mit je einer Miniatur der vom Schlafzimmer des Künstlers aus sichtbaren Berge in differenzierten Nuancen zwischen weiss, grau und blau thematisieren den Blick nach oben. Obwohl schlussendlich die heute spektakulärsten Baustellen in Niger, Patagonien und China nur durch Modelle und Fotos angetönt werden, kann man diese Schau nicht anders als tief bewegt von Vitals künstlerischen Synthesen und gesellschaftlichen Visionen verlassen.


Katalog Kerber Verlag, Bielefeld, 2014



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Not Vital [17.01.14-13.04.14]
Institutionen Musée d'Art et d'Histoire Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Not Vital
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