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3.2014




Lida Abdul


von: J. Emil Sennewald

  
links: Lida Abdul · White House 1, 2005, Lambda-Abzug auf Aluminium, 102x76 cm, Courtesy Galerie Giorgio Persano
rechts: Lida Abdul · Time, Love, and the Workings of Anti-love, 2013, Toninstallation (Stimme von Beatriz Batarda), Fotoapparat, 54


Spodschmai wird nicht so schnell vergessen. Das zehnjährige Mädchen sollte sich für die Taliban in die Luft sprengen. Sie weigerte sich. Ihr Mut muss all jene beschämen, die nicht bereit sind, die Schrecken in Afghanistan zu beenden. Dafür könnte schon eine kleine Geste reichen, ein einfaches «Nein». «Das Leben besteht aus kleinen Gesten zum Tode», schreibt Lida Abdul (*1973). Die in Kabul geborene Künstlerin ist nach der sowjetischen Invasion 1979 über Deutschland und Indien in die USA geflüchtet. Dort schloss sie in Philosophie und Politikwissenschaften ab, erhielt 2000 den Master of Fine Arts in Berkeley. Sie gehört zu den Künstlerinnen, die sich mit den Narben befassen, die Krieg in Gesellschaften hinterlässt. Anders als Sophie Ristelhueber wählt sie Dramaturgie statt Dokumentation. Anders als Ahlam Shibli geht sie auf inszenierte Distanz zur Realität. Doch sie bezieht nicht weniger Position. Im Video ‹White House›, 2005, streicht eine afghanische Frau eine Ruine weiss an. Ein Mann kommt dazu, wird mit gestrichen. Im Witz der Geste liegt die Sprengkraft der Anstreicherin. Der Mann zeigt seinen Rücken, auf 240x180 cm vergrössert, am Beginn der kleinen Ausstellung im Pariser Sitz der portugiesischen Stiftung Gulbenkian. Zwischen einigen bekannten Videos hängen in einem Saal 542 Passfotos. ‹Time, Love and the Workings of Anti-Love›, so der Titel der neuen Arbeit, von Abdul eigens für die Stiftung realisiert. Auf kleinen quadratischen Kartons hängen die stummen Bilder hinter Glas. Wie eine Schmetterlingssammlung. Abdul kaufte sie einem afghanischen Strassenfotografen ab. Und die selbstgebaute Kamera-Kiste noch dazu. Wie eine Trophäe steht sie auf einem Sockel. Sie wolle zeigen, schreibt Lida Abdul im Katalog, «wie Krieg den Ausdruck der Menschen über einen Zeitraum von zwanzig Jahren angreift». Dass die Gesichter ohne Identität sind, die Bilder ohne Legende, ist Absicht. Der Bildraum, den sie einnehmen, repräsentiert für Abdul «den Raum des Schreckens, in dem ich zugleich am verletzlichsten und potenziell unmenschlich bin». Geisterhaft starren die Gesichter vom Papier. Abduls distante Ästhetik entrückt, entfernt sie. Von dort sind keine Worte mehr zu hören. Dort werden Gesten überlebensnotwendig.



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Lida Abdul [22.01.14-30.03.14]
Institutionen Centre Culturel Calouste Gulbenkian [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Lida Abdul
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