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3.2014




Märchen, Magie und Trudi Gerster


von: Dominique von Burg

  
links: The Wild Swans · Regie Peter Flinth/Ghita Norby, 2009, Filmszene
rechts: Gustave Doré · Der gestiefelte Kater, Kupferstich für Les Contes de Perrault, 1867


Auch wenn uns unsere Welt - abgesehen von Fantasy-Filmen und Geschichten - weitgehend entzaubert erscheint, üben Märchen immer noch eine enorme Faszination auf uns aus. Märchen vermitteln Werte und bieten Gegenwelten. Anders als in unserer Wirklichkeit ist das Leben in den Märchen noch in Ordnung. Die Guten und Tugendhaften werden belohnt, die Bösen bestraft. Hunderte von Hollywoodfilmen sind nach diesem Muster gestrickt. Überhaupt inspirierten und inspirieren Märchen Filmschaffende, Literaten und Künstler. Max Ernst, René Magritte, Salvador Dalí oder Pipilotti Rist liessen sich von ‹Alice im Wunderland› anregen. Auch Tatjana Gerhards geisterhafte, teilweise groteske Gestalten, die weder örtlich noch zeitlich zu situieren sind, entstammen diesem Humus. Dass Märchen weder an Zeit noch an Ort gebunden und voller Welt- und Icherfahrung sind, qualifiziert sie als ideale Sprache des Unbewussten. So hatten C.G. Jung und Verena Kast Märchen als Instrument und als Spiegel des Unbewussten beschrieben und vor Augen geführt, wie über die phantastischen Geschichten innere Konflikte bewusst gemacht und therapiert werden können. Und C.G.Jung ging davon aus, dass sich in Märchen und Mythen auf interkulturell vergleichbare Weise das «Kollektive Unbewusste» manifestiert.
Jedenfalls kommt unser inneres Kind in dieser von Walter Keller kuratierten, stimmungsvoll eingerichteten und mit kostbaren Originalmanuskripten reich dokumentierten Ausstellung vollends auf die Rechnung. Ein eigener Raum ist der am 27. April 2013 verstorbenen Märchenerzählerin Trudi Gerster (*1919) gewidmet. Mit der Intensität ihrer unverwechselbaren Stimme beschwor sie die Märchen bildhaft herauf und vermochte die Kinder in Bann zu ziehen. Damit vergegenwärtigt sie die legendäre Geschichtenerzählerin Scheherazade, die den persischen Sultan Schahrayâr 1001 Nächte lang mit ihren Geschichten derart verzauberte, dass er sie - anders als seine Liebschaften vor ihr - am Leben liess. Eine Geschichte handelt von den ‹Abenteuern des Prinzen Achmed›, die Lotte Reiniger (1899-1981) 1925/26 als Grundlage ihres zauberhaften Silhouettenfilms nahm. Krönenden Abschluss bildet das grossartige animierte Kunstmärchen ‹Meine Liebe›, 2006, des russischen Regisseurs Alexander Petrov (*1957) über die erste Liebe und das Erwachsenwerden. In seiner überwältigenden impressionistischen Bildsprache und der unglaublich poetischen Erzählweise enthält es Destillate unserer Sehnsucht nach harmonischen romantischen Gegenwelten. Die Ausstellung ist also nicht nur ein Renner für Kinder, sondern bietet auch Erwachsenen reichen Denkstoff.



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Ausgabe 3  2014
Ausstellungen Märchen, Magie und Trudi Gerster [10.01.14-25.05.14]
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Institutionen Schweizerisches Landesmuseum [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
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