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Ansichten
3.2014


 Was das ganze Jahr über im Dunkeln liegt, ist für einmal hell erleuchtet. Zwischen Heizungsrohren und Aluminiumprofilen hängen an kaum sichtbaren Fäden zwei Dutzend Sterne im Raum. Ein ungewöhnlicher Anblick. Wo sind wir und wohin führt uns das Licht?


Ansichten - Im Dunkel voller Sterne


  
Christian Ratti · Weihnachtssterne im Keller, 2011 ©ProLitteris


Im Frühjahr 2011 lud Christian Ratti die Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule Baden (BBB) dazu ein, mit ihm die Geschichte der Firma ABB zu recherchieren und das Areal, das der Elektrokonzern gemeinsam mit der Berufsschule nutzt, nach Reminiszenzen der industriellen Produktion abzusuchen. Wie immer bei seinen Führungen schweifte Ratti auch diesmal von den offensichtlichen Schauplätzen ab und stieg in den Heizungskeller hinunter. Der Zürcher Künstler hat die grossartige Gabe, dorthin zu schauen, wohin wir keinen Blick verschenken. Als würde er mit einer unsichtbaren Taschenlampe vorausgehen und in die hintersten und dunkelsten Ecken hineinleuchten. Dabei entdeckt er immer wieder ungewöhnliche Bilder - so diesmal die hell erleuchteten Sterne mitten im Dunkel des Kellers.
Licht ist eines der zentralen Themen der visuellen Kunst. Dies reicht von der theatralischen Lichtinszenierung barocker Malerei bis hin zur Lichtmalerei des Impressionismus. Doch erst mit dem Aufkommen der Elektrizität konnte das Licht aus seiner Abbildungsfunktion gelöst werden. Es musste nicht mehr dargestellt, sondern konnte als eigenes Medium genutzt werden. Hier knüpfte auch Ratti mit den Sternen an: Im ersten Moment scheint es, als würden sie den Raum beleuchten, analog zu den Himmelskörpern. Doch nicht die Sterne, sondern die industriell genormten Lichtröhren im Vordergrund sind der eigentliche Star. Sie erhellen den unterirdischen Raum und werden dabei selbst zum Bild. Auf einem Betonsockel platziert, erinnern sie an eine Neoninstallation des Minimal-Künstlers Dan Flavin, der 1963 eine ganz gewöhnliche Neonröhre an die Wand hängte und damit das Licht selbst zum Objekt und zum Inhalt seiner Kunst erklärte.
Die hängenden Sterne sind nicht das Werk des Künstlers Ratti, sie stammen vom Hauswart der Badener Berufsfachschule. Damit er die Sterne nicht jedes Jahr mühsam auseinanderschrauben muss, hängt er die Weihnachtsdekoration der Mensa nach der Weihnachtszeit im Untergeschoss der BBB auf. Was hier als mysteriöses, seltsam entrücktes Bild erscheint, entspringt etwas völlig Banalem. Und dennoch... Mit seinem Auge für ungewollte Poesie bringt Ratti Licht ins Dunkle. Aus einem ­Heizungskeller wird ein die Weihnachtszeit überdauernder Sternenhimmel. Kunst ist überall, manchmal muss man nur in den Keller hinuntersteigen und im richtigen ­Moment das Licht anknipsen.
Nadja Baldini, Kunsthistorikerin und freie Kuratorin, lebt in Zürich. Kuratorische Leitung Kunstlehrstuhl ­Baden. nadja.baldini@bbbaden.ch



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Ausgabe 3  2014
Autor/in Nadja Baldini
Künstler/in Christian Ratti
Link http://www.kunstlehrstuhl-bbb.ch
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