Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
4.2014


 Kein Kunstprojekt hat in den letzten Jahren in Zürich so viel Aufsehen erregt wie der Hafenkran der Gruppe Zürich Transit Maritim. Lange stand die Realisierung in Frage, doch nun ist es gewiss: Der Hafenkran wird für neun Monate am Limmatquai zu sehen sein. Zürich Transit Maritim schafft mit dem Projekt einen maritimen Erlebnisraum und lädt zu einer imaginären Reise ein. Nach den zahlreichen Debatten um die Finanzierung will dieses Gespräch mit Jan Morgenthaler und Martin Senn auf die künstlerischen Anliegen des Projektes fokussieren.


Zürich Transit Maritim - Das Meer zu Gast in Zürich


von: Pablo Müller

  
links: Der Hafenkran, Visualisierung
rechts: Dritte, vierte und fünfte Pollersetzung, Juni, 2010. Foto: Karin Hofer


Müller: Das Projekt Hafenkran hat Wellen geworfen und den Zürcher Stadtrat und die Bevölkerung in Zürich polarisiert. Dabei ging die Dramaturgie eures Projektes etwas unter. Könnt ihr nochmals die drei Akte, wie ihr die einzelnen Teile des Projekts nennt, erläutern?

Morgenthaler: Die Wettbewerbsvorgabe war, mit einem innerstädtischen Eingriff Aufsehen zu erregen und den Blick auf das Herz von Zürich zu lenken. Das innerstädtische Gebiet reicht vom Helmhaus bis zur Uraniabrücke. Wir deuten das verkehrsfreie Limmatquai um. Wo die Leute flanieren, könnten auch Schiffe anlegen. Das Limmatquai wird zum Quai an der Limmat, zu einem Ufer des grossen Wassers. Diese Umdeutung erfolgt in drei Akten. Für den ersten Akt haben wir fünf Poller entlang des Flusses «freigelegt». Diese Objekte wirken wie Splitter aus einer anderen Wirklichkeit. Sie passen nicht in die Alltagsrealität, sind aber trotzdem da. Ihre Bedeutung erkennen wir erst in der Zukunft. Nämlich dann, wenn auch noch ein Hochseehafenkran «freigelegt» ist und später das Schiffshorn einen in Zürich unerhörten Sound verbreitet. Mit der Verwirklichung unseres Projekts entwickeln wir eine Archäologie der Zukunft.

Müller: Der dritte Akt ist ein Schiffshorn.

Morgenthaler: Das Schiffshorn wird das Ereignis in unregelmässigen Abständen etwa einmal wöchentlich während 30 Sekunden akustisch begleiten. Auch dies ist eine Art der Verfremdung der Alltagsrealität.

Eine Projektionsfläche bieten

Müller: Der rostige Hafenkran an der sonnenseitigen Limmat-Promenade erzeugt mit seiner raumgreifenden Statur und seiner Materialität einen Kontrast.

Morgenthaler: Der Hafenkran wird eine grosse, faszinierende Anziehungskraft haben. Es ist ein tonnenschweres Objekt, das leichtfüssig gegen den Himmel strebt und visuell mit den vertrauten Kirchtürmen spielt.
Senn: Es gibt aktuell so viele Kräne in Zürich. Und wir stellen nun einen anderen Kran auf, einen Fremdling mitten in der Stadt. Das verändert auch die Wahrnehmung der in der Stadt bauenden Kräne.

Müller: Auf der Webseite verweist ihr auf unterschiedliche historische Begebenheiten. So war die Region Zürich vor 20 und 30 Millionen Jahren zweimal vom Meer überflutet. Es gab im letzten Jahrhundert auch das Vorhaben, Zürich auf dem Wasserweg mit der Nordsee und Venedig zu verbinden. Was hat euer Projekt mit dem Zürich von heute zu tun?

Morgenthaler: Der Hafenkran hat die Leute in Zürich in den vergangenen Jahren bewegt. Alle haben eine Meinung dazu. Diese aktive Beteiligung macht den öffentlichen Raum aus, man kann ihn beanspruchen und besetzen. Das wollen wir fördern. Der Hafenkran wurde zu einer Art Projektionsfläche, und viele nutzen nun die sich bietende Gelegenheit für Veranstaltungen und Auftritte. Das Theater am Neumarkt, das Literaturhaus, das Kulturhaus Helferei, Tanz- und Musikgruppen, Gastro-Betriebe wollen sich engagieren. Zum Beispiel an unserem dreitägigen Hafenfest Anfang Juli.

Senn: Dieses Projekt will aber nicht einfach gefallen. Es polarisiert, doch vielleicht kann der Hafenkran temporär ein Lächeln in die Gesichter holen.

Wir öffnen einen Freiraum

Müller: Die Aktualität und Bedeutung des Projektes liegt für euch demnach in den damit freigesetzten Effekten.

Morgenthaler: Die Poller, der Kran, das Horn sind stark genug. Was sie auslösen, das ist Teil unserer performativen Installation. Wir sind gespannt darauf, was sich alles entwickelt. Wer sich einbringt. Und wie. Und was das dann wieder auslöst.

Müller: Der Hafenkran, den ihr aufstellt, ist aus dem Jahr 1961. Im Vergleich mit dem heute gängigen vollautomatisierten Verladesystem in internationalen Häfen hat dieser manuell betriebene, ausrangierte und kaum funktionstüchtige Hafendrehkran etwas Wehmütiges.

Senn: Wir beziehen uns nicht absichtlich auf den aktuellen Vintage Trend. Das ist jedoch eine interessante Gleichzeitigkeit.

Morgenthaler: Wir blicken nicht zurück. Die Vergänglichkeit ist Teil unserer Arbeitsweise. Der Hafenkran kommt und geht wieder. Wir erzeugen Erinnerung, wir liefern Material für eine Geschichte. Die Leute aber komponieren sich alle ihre eigene Geschichte. Das Meer ist zu Gast in Zürich. Das hat etwas sehr Utopisches.

Der vergessene Raum

Müller: In dem Essayfilm ‹The Forgotten Space›, 2010, porträtierte der amerikanische Künstler Allan Sekula die Rolle und Bedeutung der maritimen Schifffahrt für den Welthandel und zeichnet dabei ein sehr widersprüchliches Bild dieses maritimen Raumes. Im Vergleich zu Sekula setzt ihr beispielsweise mit dem an der Pressekonferenz im Januar Akkordeon spielenden Seemann eher auf Seefahrer-Romantik.

Senn: Es geht uns nicht um ein Mahnmal. Die Veränderungen in der Seefahrt haben wir auch wahrgenommen. Das ist aber nicht unser Thema. Wir wollen eine Stimmung erzeugen, und vielleicht wird diese auch etwas Melancholisches haben. Uns interessiert die Offenheit und die Vielfalt.

Morgenthaler: Wir schaffen einen freien Raum. Wir fragen: Liegt das Glück im weiten Horizont? Oder: Hilft träumen gegen Fernweh?

Müller: Ihr habt euch in der Debatte um euer Projekt sehr zurückgehalten und teilweise Informationen nicht preisgegeben. So war bis zum Schluss nicht klar, wie der Hafenkran nun wirklich aussehen wird. Wieso diese Zurückhaltung?

Morgenthaler: Wir legen den Kran doch erst frei! Am liebsten hätten wir gar nie was gesagt. Wir wollen überraschen, Spannung erzeugen. Wir folgen einer Dramaturgie, ähnlich einem Theater im städtischen Raum. Die Behörden haben uns dann aufgefordert, das Projekt zu erklären. Wir hätten am liebsten gleich mit der Umsetzung begonnen - ganz ohne Worte.Pablo Müller, Kunstkritiker und Kunsthistoriker, lebt in Zürich. pablomueller@gmx.net

Alle Zitate aus: www.zurich-maritim.ch/de/logbuch/


Bis: 31.05.2014


Zürich Transit Maritim sind Jan Morgenthaler, Barbara Roth, Martin Senn, Fariba Sepehrnia.
Jan Morgenthaler (*1956, Zürich) reisender Autor, lebt in Zürich
Barbara Roth (*1950, Basel) Künstlerin, lebt in Zürich
Martin Senn (*1960, Zürich) Künstler, lebt in Zürich
Fariba Sepehrnia (*1961 in Teheran) Architektin, lebt in Zürich

Freilegung des Hafenkrans auf der Terrasse vis-à-vis des Gran Cafés am Limmatquai, ab 7.4., Projektdauer bis 31.1. 2015
Festakt 10.5., Hafenfest 4.–6.7.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2014
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Barbara Roth
Künstler/in Martin Senn
Künstler/in Jan Morgenthaler
Künstler/in Fariba Sepehrnia
Link http://www.zurich-transit-maritim.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=140322102157JQA-1
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.