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Fokus
4.2014


 Als das Internet noch als egalitäres und emanzipatorisches Medium galt, gründeten, 2002, Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo die Online-Plattform Bitnik - die heute international bekannt ist. Ein Gespräch mit dem Künstlerduo anlässlich seiner Ausstellung im Zürcher Helmhaus - im nachgebauten Raum von Julian Assange, mit Brita Polzer.


!Mediengruppe Bitnik - Hacking the embassy, im Helmhaus


von: Brita Polzer

  
Delivery for Mr. Assange, oben: Nachbau von Julian Assange's Arbeitszimmer in der ecuadorianischen ­ Botschaft in London, Aussen- und Innenansicht; unten: Röntgenscan des Pakets und 2-Kanal- Videoinstallation mit Still aus der im Paket versteckten Kamera, Courtesy Helmhaus Zürich


Polzer: Normalerweise arbeitet ihr im elektronischen Raum, wo ihr Tausende von Online-Follower verzeichnet. Wieso interessiert es euch, angesichts eines derartigen Publikums, eine Schau im Helmhaus einzurichten?

Smoljo: Der Ausstellungsraum bietet ein Reflexionspotenzial, das während der Live-Momente unserer Arbeit im Netz nicht gegeben ist. Dann ist man in der Aktion drin und hat keine Zeit, einen Schritt zurück zu tun.

Weisskopf: Wir versuchen, aus den Online-Performances und für das angesammelte digitale Material eine Übersetzung in den Raum zu finden. Gewisserweise ist es ein nächster Schritt, eine zweite Arbeit, die ein anderes Publikum erreicht. Wobei wir nicht in die Dokumentationsfalle geraten, sondern eine eigenständige künstlerische Form finden wollen. Die Ausstellung im Helmhaus gibt uns die Chance, eine Materialauswertung der Deliveries vorzunehmen - was sind das für Bilder, was ist da spannend dran?

Postdrohne als Mail-Art

Polzer: Die Ausstellung kreist um die Reisen eines Pakets, einer Postdrohne. Was hat es damit auf sich?

Weisskopf: Wir zeigen zwei Deliveries, eine an Julian Assange und eine an Nabeel Rajab. Der Anlass für die Delivery an Assange war die spezifische Situation, in welcher der Gründer von Wikileaks seit 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London lebt. Er hat Asyl erhalten, kann aber nicht nach Ecuador ausreisen, weil es einen internationalen Haftbefehl gibt und die Botschaft von Polizei umstellt ist. Uns hat die physische Situation dieser Botschaft interessiert, dort findet gewissermassen ein Kampf ums Internet statt, der Kampf zwischen Informationsfreiheit versus Staaten, die versuchen, ihre Information für sich zu behalten. Dieser Kampf wird normalerweise virtuell ausgetragen, unsichtbar, wenig fassbar - in London manifestiert er sich im Realraum. Wir fanden diese ganze Situation absurd und haben uns gefragt, ob wir die physischen Sperren zu Assange überwinden können - indem einfach eine Alltagshandlung vollzogen wird. Das muss ja irgendwie funktionieren, da muss es einen Postboten geben, der durch die Polizisten hindurchgeht und etwas abgibt - das wollten wir nutzen. (KB 10/2013, S. 56/57)

Smoljo: Was passiert, wenn du Normalität in so eine Kriegszone bringst? Welche Tools stehen dir dafür zur Verfügung, wenn du nicht vor Ort bist: Ein Paket schicken oder den Pizzakurier, so kannst du dich in eine geopolitische Pattsituation einbringen.

Weisskopf: Zudem wollten wir das Paket mit etwas versehen, das uns ständig nachprüfen lässt, wo es gerade ist, was es sieht, durch welche Postsysteme, welche unzugängliche Blackbox dieses eigentlich bewegungsunfähige Ding gerade getragen wird. Die Bilder wurden direkt aus dem Paket ins Internet übertragen.
Polzer: Habt ihr das Paket von Beginn an als Kunst deklariert?

Smoljo: Klar, das ist Mail-Art, ein Live-Mail-Art-Piece, wie wir es aus den Sechziger- und Siebzigerjahren von den Fluxus-Künstler/innen kennen.

Weisskopf: Das Paket ist tatsächlich angekommen und wir haben Assange dann angeboten, er könne eine Person, die in einer ähnlichen Situation ist wie er, auswählen und das Paket an sie weiterschicken. Julian hat sich für Nabeel Rajab, den bahrainischen Oppositionsführer und Menschenrechtsaktivisten, entschieden, der wegen eines Tweets, mit dem er den Onkel des Königs beleidigt haben soll, in einem bahrainischen Gefängnis sitzt.
Live-Bilder, von unbemannten Apparaten gemacht.

Polzer: Obwohl viele der Bilder, die von den zwei Paketreisen gezeigt werden, völlig unspektakulär sind, wirkt diese Bildstrecke doch derartig spannend, dass manche Personen euch während der Live-Übertragung mitgeteilt haben, sie könnten nicht mehr schlafen. Wieso entsteht diese Spannung?

Weisskopf: Die Bilder sind überhaupt nicht unspannend, gerade auf dem 17-Meter-Print hier im Helmhaus, auf dem man alle Bilder gleichzeitig sehen kann, entwickeln sie eine erstaunlich poetische Qualität.

Smoljo: Während der Live-Performance fragte man sich: Wann kommt das nächste Bild, woher kommt es, was bedeutet dieser Live-Stream aus mehrheitlich schwarzen Bildern mit dem «Live»-Logo in der oberen linken Ecke? Das ist eigentlich eine Null-­Information, nicht zu vergleichen mit traditioneller Fotografie, dennoch sehr spannend.

Weisskopf: Eine ähnliche Faszination geht von der Mars-Sonde aus, man erhält Bilder aus einem unbekannten System, live, man ist dabei und erlebt das mit. Auf Twitter haben wir unsere Kommentare dazu gesetzt, versucht, den Bildern einen Kontext zu geben, zu sagen, wo wir uns gerade befinden könnten. Dabei haben wir in der Wir-Form gesprochen und das Paket wie ein lebendiges Teil empfunden: «lebt es noch?», «wo sind wir?». Und die Leute, die dieses Paket mitverfolgt haben, waren auch so nah dran, die steckten eigentlich da drin, die wurden mitverschickt. Als das Paket ankam, haben wir Reaktionen erhalten, die echt rührend waren. Obwohl Assange, als er schliesslich im Bild war, natürlich in seiner Rolle als Aktivist auftrat, war er sehr persönlich, weil das Ganze nicht mediatisiert, nicht zurechtgebogen war. Es schien, als ob er direkt ins Wohnzimmer auf den Computer kam, es gab einen persönlichen Draht. Der offizielle Twitter der Huffington Post hat irgendwann total die Fassung verloren und geschrieben: «Winke uns zu, winke uns zu, Assange».

Smoljo: Das alles konnte ja auch jederzeit sterben. Das ist selbst gebaut, das kann fallen und dann ist es weg. Es kann aus dem System genommen werden - alle diese offenen Fragen stecken in den schwarzen Bildern, leben wir überhaupt noch, wo sind wir, was passiert? Diese Ungewissheit, die wir nicht klären konnten als klassische Autoren - das war schön, dass wir diese Unsicherheit einfach an die Leute weitergegeben haben. Das schafft schnell Zugang zu den anderen, man fühlt sich persönlich verbunden.

Polzer: Im soeben erschienenen Buch sprecht ihr davon, dass ihr den Kontrollverlust sucht, dass er euch Spass macht.

Smoljo: Es gibt in unseren Arbeiten immer eine Geschichte, die einen Anfang hat - und dann weiss man nicht, wie es weitergeht. Wie reagieren die Medien darauf, wie das Gesetz? Viele Faktoren bleiben offen.

Das Klicken der Tweets

Polzer: Die Spannung, die während des Live-Streams im Internet vorhanden ist, habt ihr meines Erachtens sehr gelungen auch auf die Ausstellung übertragen.

Weisskopf: Ein Live-Tennisspiel ist spannend, aber wenn du es zehn Jahre später anschaust, dann muss es ein wirklich gutes Spiel gewesen sein, um nochmals spannend zu sein. Das ist das Problem bei der Delivery-Arbeit. Man weiss, das Paket ist angekommen, die Spannung ist weg. Wir haben versucht, sie wieder herzustellen, das ist gerade auch mit den begleitenden Texten recht gut gelungen.

Smoljo: Oder auch durch dieses Pumpen des Sounds von Bit-Tuner im Video...

Polzer: ...das wie ein Herzschlag wirkt. Das Gefühl für den Augenblick wird auch erzeugt dadurch, dass ihr die Texte wie reinkommende Tweeds präsentiert, sie entstehen quasi in dem Moment, man hört den Signalton, mit dem sie angekündigt werden. Das alles entwickelt grosse Dynamik. Und durch die teilweise recht persönliche Begleiterzählung tritt das Ganze fast wie ein Abenteuerroman auf, was sich besonders auch im Buch auswirkt. Ohne die narrative Parallelgeschichte wäre die Reise des Päckchens wohl nur noch halb so spannend.
Weisskopf: Nach der Sache mit Assange, ungefähr vor einem Jahr, wurde uns klar, dass wir eine narrative Ebene brauchen, auf der wir nacherzählen können, was mit uns geschehen ist.

Smoljo: ...den ganzen Wahnsinn in diesen zwei Tagen der Reise des Pakets.

Assanges Raum

Polzer: Warum der Nachbau des Raums von Assange? Worum ging es euch?

Weisskopf: Es gab viele Aspekte. Der Raum ist ein Insert in den Ausstellungsraum, den wir zur Verfügung hatten. Wir als Künstler erhalten 200 qm, Assange arbeitet in einem 20-qm-Raum. Es ging uns um dieses Grössenverhältnis. Und darum, wie handlungsfähig er dennoch ist. Sein kleiner Raum ist eine Schaltzentrale für Weltpolitik, das hat uns fasziniert. Auch diese Mischung zwischen einerseits dem Botschaftsmobiliar, auf dem wir hier sitzen, sehr repräsentativen Dingen, andrerseits seinen tausend Computern, Ordnern, Büchern. Der Raum ist ein wenig wie ein Ufo, sobald man ihn verlässt, ist man in der Botschaft und wird streng kontrolliert.

Smoljo: Viele der Geschichten, die uns ein Jahr lang verfolgt haben, manifestieren sich hier, physisch.

Polzer: Authentisch ist nur euer Paket?

Smoljo: Ja, und es liegt auch genauso da wie bei ihm, oben auf dem Schrank, es ist hier nicht überinszeniert. Es liegt zwischen allem anderen.

Polzer: Ihr durftet während eurer vier Besuche ja nicht fotografieren, ihr habt also alles aus dem Gedächtnis rekonstruiert.

Smoljo: Ja. Die Lampen braucht Assange, wenn er gefilmt wird, um von hier aus etwas zur Weltlage zu sagen. Hier die Tasche von Vivienne Westwood, sie hat ihn besucht und Geschenke mitgebracht. Lady Gaga war auch hier. Einige Sachen berühren mich immer noch, zum Beispiel diese Sauerstoffmaske, mit deren Hilfe Assange bei Feuer eine halbe Stunde überleben könnte, ohne auf die Strasse zu müssen.

Kult versus Kleinheit

Polzer:
Die Unordnung hier entspricht eurem Eindruck vor Ort?

Weisskopf: Der Raum war jedesmal anders.

Smoljo: Vielleicht war er noch lebendiger, ein Chaos. Dieser Kulturclash, er ist ein Hacker, ein Aktivist...davon erzählt zum Beispiel diese Schachtel mit Computern, das ist wie bei uns im Atelier.

Polzer: Daniel Morgenthaler, der Kurator der Ausstellung, sagt, es sei genauso euer Raum wie Assanges Raum. Aber man könnte dennoch überlegen, ob ihr hier nicht auch eine Heroisierung betreibt, einen Assange-Kult aufbaut.

Weisskopf: Kult, ich weiss nicht, auch wenn er morgen aus der Botschaft auszieht, ist dieses Zimmer eine Manifestation für eine globale politische Situation. Wir leben in einer Zeit, in der Leute, die mit der Freiheit des Internets arbeiten wollen, eingesperrt werden. Wenn man von einem Kult sprechen will, dann eher von einem Kult des Raums als Manifestation dieses Konflikts. Wikileaks und Assange stehen für uns für die Rückeroberung der Unschuld des Internets. Damit solidarisieren wir uns. Es ist sehr wichtig, diese Dinge zu thematisieren, weil sie uns alle etwas angehen.

Smoljo:
In der Arbeit stecken darüber hinaus ganz viele Themen, die uns interessieren: das Internet, das Sich-physischen-Zugang-zu-etwas-Verschaffen, die Manifestation des Kriegsgebiets, diese Unschuld des Pakets...

Weisskopf: Wir befragen Ist-Zustände, und indem wir etwas einfügen ins System, wird plötzlich etwas klar über die verschiedenen Player, wer sich wie verhält, die Botschaft, die Polizei, das Postsystem.

Polzer: Meine Lesart eurer Deliveries ging auch dahin, dass die kleinen Bitniks jetzt mutig mitmischen beim grossen Weltgeschehen. Ihr dringt ein in einen unzugänglich erscheinenden Raum - mit ganz kleinen Interventionen.

Weisskopf: Sie sind klein, aber es ist relevant, klein zu sein. Es ist relevant, sich persönlich zur Weltpolitik zu verhalten, den eigenen Zugang zu finden. Es ist die schlechteste Variante zu sagen, das geht mich alles nichts an.

Bis: 04.01.2015


Domagoj Smoljo (*1979, Kroatien), Carmen Weisskopf (*1976, Schweiz)
Studium an der ZHdK mediale Künste u.a. bei Knowbotic Research
Komplizen: Dr. Adnan Hadzi, Londoner Filmemacher und Forscher, und Daniel Ryser, Reporter

Einzelausstellungen (Auswahl)
2012 Lügen: UBS Lies / Polizei lügt, Kunstkabine, Museum für Kommunikation Bern
2011 Questions/Noise, Substitut, Berlin
2010 Too Big To Fail / Too Small To Succeed, SPACE Gallery, London, und Les Complices*, Zürich
2010 Opera Calling, Projektraum Enter, Kunstmuseum Thun
2009 Parasite's Delights, Stiftung Binz 39, Zürich
2008 Our Man in India, [plug.in], Basel
2007 Opera Calling, Cabaret Voltaire, Zürich

Publikation: Delivery for Mr. Assange/Ein Paket für Herrn Assange, Echtzeit Verlag, Basel, 2014
www.echtzeit.ch



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen !Mediengruppe Bitnik, Christian Waldvogel [14.02.14-06.04.14]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in !Mediengruppe Bitnik
Link http://wwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww.bitnik.org/
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