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Fokus
4.2014


 Seine Arbeit ist ein langer Prozess des Schauens. Mit einer Mittelformatkamera nimmt Arno Hassler Panoramabilder von ruralen und urbanen Landschaften auf. So entstehen filmische Bilderbänder, die verschiedene Ansichten einer Szenerie nahtlos aneinanderfügen und damit die Zeitlichkeit der Wahrnehmung in Frage stellen. Das Musée Jurassien des Arts in Moutier zeigt einige Arbeiten des Fotokünstlers und Druckers und publiziert ein Leporello mit seinen Fotopanoramen.


Arno Hassler - Im Gegenlicht


von: Alice Henkes

  
Böckenberg, Uckermark, Deutschland, 2013, C-Print, 215x1800 cm


Es beginnt mit einem hellen Himmel und zarten Wolken, die sich verdichten, zu einem Gewitter ballen, um sich dann nach und nach wieder aufzulockern. Am Ende steht wieder der helle Sommerhimmel. Wer an Arno Hasslers auf 215x1800 cm ­Grösse gedruckter Panoramafotografie ‹Böckenberg, Uckermark, Deutschland› entlanggeht, geht gleichsam durch ein Gewitter hindurch. Das bekannte Phänomen, dass der Himmel nicht in jeder Richtung gleich aussieht, dass der Wanderer vor sich noch Sonnenschein sieht, und im Blick zurück erkennt, dass sich hinter ihm schon Regenwolken auftürmen, wird in Hasslers Bild auf irritierende Weise komprimiert. Seine Panoramabilder falten einen 360°-Blick auf, zeigen nebeneinander, was das menschliche Auge normalerweise nur nacheinander erkennt. Hasslers Panoramafotografien schalten die Zeitlichkeit des Sehens aus, fixieren in einem Bild, was im natürlichen Sehen in einer Folge von Augenblicken wahrgenommen wird.
Licht und Bewegung haben Hassler immer schon fasziniert. Lange waren es Objekte, mit denen er diesen immateriellen Phänomenen nachspürte. Für ein Schulhaus im Jura gestaltete er eine Art Sonnenuhr mit drei Alabasterobjekten, auf denen sich, an bestimmten Tagen, die von Spiegeln gelenkten Sonnenstrahlen bündeln. Über die Idee, Bilder rundum in einem Raum zu projizieren, kam er zur Panoramafotografie. «Panoramafotografie ist für mich etwas Dreidimensionales», sagt er.

Lichtspur im Schnee
Die Panoramabilder entstehen mit einer Mittelformatkamera, die sich auf einem Stativ langsam um die eigene Achse dreht und dabei kontinuierlich belichtet. Diese Panoramen setzen sich nicht aus Einzelbildern zusammen. Hassler belichtet für ein Panoramabild meist einen Film. Dabei ist Ausdauer gefragt. Als er für ‹Warth, Thurgau›, 2012, das Einnachten über Rebbergen fotografierte, stand er mehr als eine halbe Stunde in der kalten Winternacht. Um sich aufzuwärmen, ging er zwischendurch in eine kleine Kapelle, die links im Bild zu sehen ist. Ein Gemeindearbeiter, der nachsehen kam, wer sich da an der Kapelle herumtrieb, hinterliess mit seiner Taschenlampe eine bläuliche Lichtspur auf den schneeüberpuderten Weinbergen.
Er fotografiere gern aus der Ebene, sagt Arno Hassler. «Ich habe die Hindernisse der Landschaft gern im Bild und schaue nicht über sie hinweg.» So fotografiert er in den Bergen und im offenen Land, in Städten und in Innenräumen. Faszinierend sind jene urbanen Panoramen, in denen sich das Innen und Aussen miteinander verschränkt. In ‹Aarau, Aargauer Kunsthaus›, 2011, entsteht durch die Glaswände des Kunsthauses, die Aufsichten und Durchsichten, die Spiegelungen und Lichtreflexe eine komplexe, vielfach ineinander verflochtene Szenerie, die sich nur langsam entschlüsseln lässt. Hasslers Panoramen haben filmische Qualitäten. Sie erinnern an lange Kamerafahrten, die ohne Worte viel erzählen. Diese Fahrten im Stillstand erhalten eine besondere Note, wenn er die Kamera vertikal rotieren lässt und so Schluchten fotografiert. In der Tamina-Schlucht bei Bad Ragaz oder in den Strassenschluchten New Yorks nimmt er Bilder auf, die irritieren, weil sie reale Motive aus dem normalen Blickwinkel herausheben. Sie erzeugen eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, indem sie verschiedene Perspektiven gemeinsam präsentieren.
Hasslers Bilder sind immer auch Auseinandersetzung mit der Fotografie. In der vierteiligen Serie ‹Williamsburg NY›, 2001-2010, beschäftigt er sich mit der grossen Frage, wie objektiv Fotografie einen Ort abbilden kann. Die Serie zeigt eine Kreuzung in Brooklyn, je von den vier Strassenecken aus fotografiert. Einzelne Motive kehren auf allen Bildern wieder, und dennoch sind alle Aufnahmen unterschiedlich.
Das bestimmende Element in Hasslers Fotografien ist das Licht. Auch in seiner Tätigkeit im Druckatelier Moutier ist das Licht zu einer wichtigen Komponente geworden. Seit 1981 ist er im als Verein organisierten Atelier de Gravure tätig. Lange Zeit beschäftigte er sich dort vorwiegend mit Lithografien. 1995 lernte er das Verfahren der Heliogravüre kennen. Die Heliogravüre ist eine Weiterentwicklung der Aquatinta-Radierung, mit der Fotos und Zeichnungen reproduziert werden können. Es ist ein aufwendiges und fehleranfälliges Verfahren, das Geduld und Genauigkeit erfordert. Die Beschäftigung mit der Heliogravüre und der Fotografie haben bei Hassler etwa zeitgleich begonnen. Lange hat er die eigene künstlerische Tätigkeit streng von der Arbeit mit anderen Kunstschaffenden getrennt und selbst keine Grafiken gemacht. In den letzten Jahren hat er dieses selbstauferlegte Gebot gelockert. Er druckt eigene Heliogravüren und merkt, wie die Fototätigkeit den Blick für die Druckarbeit schärft. «Das Drucken ist ein langer Prozess des Schauens», sagt er. Eines Schauens, das sich bisher längst nicht erschöpft hat: «Mein Blick ist noch nicht gesättigt mit Fotografie.»Alice Henkes (Hannover) lebt als freie Kunstkritikerin und Kuratorin in Biel, alice.henkes@bluewin.ch


Bis: 27.04.2014


Arno Hassler (*1954, Donat) lebt und arbeitet in Zürich und Crémines BE

1975 Bündner Lehrerseminar, Chur
1981 Lehramt für bildende Kunst, Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel
seit 1981 Drucker für Lithografie und Tiefdruck, Atelier de Gravure, Moutier

Einzelausstellungen (Auswahl)
2000 ‹Tête dessus - Tête dessous›, Les Halles - espace d'art contemporain, Porrentruy
2002 ‹Point de Vue›, Helmhaus Zürich (mit Michael Biberstein)
2005 ‹Grandangolo›, Museo Cantonale d'Arte, Lugano

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2009 ‹Vermessen, Strategien zur Erfassung von Raum›, Bündner Kunstmuseum, Chur
2010 ‹Weltbilder 3›, Helmhaus, Zürich
2011 ‹Bieler Phototage›, Biel/Bienne
2012 ‹10'000 Stunden›, Kunstmuseum Thurgau, Karthause Ittingen, Warth
2013 ‹Hélio...gravures›, Centre de la Gravure et de l'image imprimée, La Louvière, Belgien



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Arno Hassler [02.03.14-27.04.14]
Institutionen Musée Jurassien des Arts [Moutier/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Arno Hassler
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