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Fokus
4.2014


 ‹Home Grown› im Museum Oskar Reinhart zeigt, wie Winterthurer Kunstschaffende seit dem 17. Jahrhundert ihren Weg in die Welt gesucht haben. Mario Sala verfolgt mit seiner Kunstfigur ‹Anthony Cells› eine zeitgemässe Möglichkeit, die lokale Perspektive durch verschiedene Medien und Foren zu öffnen. Zwischen seine Bilder auf unterschiedlichen Trägern mischt sich ein Screen mit der gleichnamigen Website.


Mario Sala - Anthony Cells oder der Eremit im Verkauf


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Pioneer 05, 2012, Oel, Klebmasse auf Leinwand, 70x50 cm. Foto: SIK-ISEA (Philipp Hitz)
rechts: Smithereen 01, 2012, 105x56x14 cm, Autolack auf Aluminium. Ausstellungsansicht Museum Oskar Reinhart, 2014. Foto: SIK-ISEA (Philipp Hitz)


Antonius begegnet uns in historischen Gemälden meist als Heiliger, als jener Eremit, der in seiner Zelle von teuflischen Verführungen heimgesucht wird und widersteht. Doch Anthony Cells, das angelsächsische Double des Antonius, spielt durch die Lautfolge seines Nachnamens ebenso mit der weltflüchtigen Zelle wie mit dem trendbewussten Verkauf: he sells in cells. Anthony ist eine weitere Kunstfigur im erzählerischen Pluriversum von Mario Sala, wo schon Drifter und Schwimmer oder Pan Gas unterwegs sind. Sala erfindet mit seinen Figuren auch deren Welten. In Malereien und Zeichnungen, in komplexen Installationen führt er uns durch verwinkelte Räume in immensen, nur über die Vorstellung erschliessbaren Dimensionen.

Die Zelle im Museum
Im Dachstock des Museums Reinhart empfängt uns auf der Stirnwand eine gros-se, unregelmässig bemessene, rot beschichtete, leicht metallisch glänzende Tafel, die oben wie eine flatternde Fahne in einen feinen Streifen Weiss ausgeht. An der langen Seitenwand hängen bunt gespritzte Karosserieteile wie archaische Fragmente in einem lockeren Fries verspielter Figurationen nebeneinander, während auf der Wand gegenüber ein riesiger Kreis das Quadrat zentriert, dem er eingeschrieben ist. Die lichterfüllte helle Farbfolge von Gelb zu Blau zu Rot verläuft in der Abstraktion des umfassenden Quadrates von unten nach oben und im Binnenkreis gegenläufig von oben nach unten. Damit werden landschaftliche Assoziationen, die mit diesen primären Farben einhergehen, invers zueinander ins Spiel gebracht, als liessen sich die Regeln der Gravitation frei wählen. Selbst wenn eine malerisch markierte, aufgeschlagene Zeitung ganz versteckt in der hinteren Ecke des Dachstocks den Winkel zwischen Boden und Wand und damit noch einmal den architektonischen Raum bezeichnet, ist es aus den paradoxen illusionistischen Farbräumen nur ein winziger Sprung in die virtuellen Schächte des World Wide Web.

Zellen im Netz

Und der Netzraum beginnt mitten im Saal: Zwischen den Bildobjekten ragt ein Lüftungsrohr kühn aus der Wand und präsentiert einen kleinen, aus seiner Plastikverkleidung geschälten Flachbildschirm. Hier erscheint die Website, die Anthony aus der Zelle seines Ateliers ins digitale Multiversum katapultiert: Auf der Einstiegsseite kreist eine Schlange aus weissen Rechtecken. Ein Klick und wir finden uns in einem Filmclip wieder, konfrontiert mit Menschen als wären es die Nachbarn von nebenan. Von einem einzelnen, sehr persönlichen Gesicht aus startet die Fahrt der Kamera jeweils durch ein Couloir von Kunst, die sich links und rechts stapelt, weithin auf ein Werk zu, das in der Flucht wie ein fernes Objekt der Begierde aufscheint. Dies dürften wir kaufen, denn Anthony sells. Aber er verkauft auch den Verkauf selbst. Das rituell wiederholte Setting in der Folge von kleinen Filmen ist immer neu wieder von verstörender Seltsamkeit, als hätte die Kunst das Atelier des Künstlers samt seinen diversen Gästen in Bann geschlagen und verzaubert. Den Bildern folgen überraschend komponierte Sounds und Geräusche, die Anklänge an die Ästhetik von Werbespots poetisch pointieren.
Wie Sala im Kontext des historischen Panoramas von ‹Home Grown› zeigt, führt der Weg aus Winterthur in die Welt heute nicht mehr in zerklüftete, erhabene Bergwelten oder in einen westlich phantasierten Orient, sondern über glänzende Oberflächen von Bildobjekten hinaus in die Welt der Rechner, in der Kundschaft auf Kunst lauert. Sala treibt seine Narration über die Sphären der Imagination von neuen Welten hinaus ins Imaginäre seines eigenen Ateliers als potentielles Terrain des Kunstmarkts. Als Anthony bildet Antonius seine eigene Zelle aus im unüberschaubar verzweigten System von dot.com. Der Künstler überschreitet die Schwelle zum kommerziellen Domain-Suffix.com, ohne der Verführung zu erliegen, seine eigene Formenwelt aufzugeben. Schon immer hat uns Mario Sala in seinen Passagen vor Türen und Schwellen geführt, die er aufgestossen und überschritten hat.

Der Eremit wird Händler

Als sein eigener Händler betreibt der Künstler den Handel mit Handlungen in Geschichten. Auf einmal wird die Sphäre des Verkaufs, der die Künstlerinnen und Künstler oft in die Rolle von Zulieferern verweist, zurückgeholt in die Kunstproduktion selbst. In Salas Filmen setzt der fiktive Antonius, der wie ein Netz-Eremit hieratisch im Off bleibt, einzelne Werke in Beziehung zu konkreten Menschen. Die anonymen Strukturen des Marktes erhalten ein Gesicht und einen Ort, der randvoll ist mit potentiellen Möglichkeiten von Kunst. So bleibt zu hoffen, dass die Signale, die Anthony aus seinen Zellen in die virtuelle Welt aussendet, über die Schaltfläche «contact» zahlreiche Antworten generieren. Die Präsenz der Werke in Winterthur bleibt berauschend sinnlich.Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker und Dozent. Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission 2007-2012. hreust@bluewin.ch


Bis: 01.06.2014


Mario Sala (*1965) arbeitet in Winterthur
2012 Sala startet das Netzkunstprojekt ‹Anthony Cells›

Einzelausstellungen (Auswahl)
1998 ‹Drifter goes to Africa›, Goethe-Institut, Cairo
2000 The yellow things›, Greatmore Studios, Capetown
2001 Kunstmuseum Winterthur
2003 De 11 Lijnen, Oudenburg, Belgium
2004 Helmhaus Zürich
2005 Parasol unit, London
2009 Kunstmuseum Solothurn
2010 Institut für moderne Kunst Nürnberg, Germany
2011 Alice Boner Institute, Varanasi, India

Bildbetrachtungen mit Mario Sala, Villa Flora, Winterthur, 2.4., 19 Uhr (ab 28.4. wird der Ausstellungsbetrieb der Villa Flora vorübergehenden eingestellt)



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Home Grown - Winterthurer Malerei durch die Jahrhunderte [10.01.14-01.06.14]
Institutionen Museum Oskar Reinhart [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Mario Sala
Link http://www.anthonycells.com/de/films.html
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