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Fokus
4.2014


 In Veronika Spierenburgs Foto- und Videoarbeiten wird das Museum zum Leben erweckt. Die Zürcher Künstlerin interessiert nicht nur, wie Kunst im Ausstellungsraum gezeigt wird, sondern auch, wie die Architektur uns ausstellt. Ihre Präsentation zum Manor Kunstpreis beisst sich aber nicht im Aargauer Kunsthaus fest, sondern verschiebt die Eckpunkte des Koordinatensystems Kunst nach draussen.


Veronika Spierenburg - Die verschiebbaren Eckpunkte des Koordinatensystems Kunst


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Zig Zag, 2014, Ausstellungsansichten Aargauer Kunsthaus, Aarau, 2014. Foto: René Rötheli
rechts: Ecke, Hoek, Hörn, 2014, Fotoarbeit bestehend aus vier fotografierten Ecksituationen je eines Raumes im Kunsthaus Glarus, im Museum Boijmans Van Beuningen sowie im Östergötland Museum


Auch ein Toilettenbesuch kann choreografiert sein. Im Aargauer Kunsthaus zum Beispiel tänzelt man eine ausladende Wendeltreppe hinunter, um dann an den Garderobenschränken vorbei im WC zu landen. Die profane Choreografie stockt allerdings momentan: Weil in einer Vitrine im UG ein Satz schwarz auf einem gelben Banner aus der Sammlung des Kunsthaus steht: «Art is Art about Art», ein Diktum des Genfer Künstlers Gérald Minkoff. Das mag von Veronika Spierenburg, die im Erdgeschoss ihre Manor-Kunstpreis-Schau bestreitet, nicht beabsichtigt sein - ein Zufall ist es genausowenig. Denn durch eine Ausstellungsinstitution muss man als Mensch irgendwie durch, ob man nun in die Schauräume oder zur Toilette geht. Und man folgt dabei einem vorgetrampelten Pfad, der alles andere als zufallsbedingt ist - und auf dem man die Messages mitbekommt, die man mitbekommen soll.

Light at the Museum
Spierenburgs Kunst ist insofern «Art about Art», als sie sich eben mit den Trampelpfaden in Kunsthäusern beschäftigt. Anlässlich der Performance ‹Split between Two Spaces› im Rahmen der Eröffnung ihrer Aargauer Ausstellung liess Spierenburg eine Reihe Menschen Schulter an Schulter und Schulter an Glas durch den markanten Innenhof des Gebäudes gehen. Hin und her, während zehn Minuten. «Das sah einfach aus, es brauchte aber doch einige Proben, um künstlich eine Gruppendynamik zwischen den Personen herzustellen. Am Abend zeigte sich, dass die Nähe der Performerinnen und Performer zu den Zuschauerinnen und Zuschauern trotz Glaswand als unangenehm empfunden wurde», so Spierenburg. Wenn wir durch Ausstellungsarchitektur schlendern, sieht das genauso einfach aus - und doch mussten wir es über die Jahrhunderte lernen. Und wir haben es uns dabei gründlich abgewöhnt, die Nähe zu anderen Personen im Raum zu suchen.
Veronika Spierenburg will auch wissen, was das Museum macht, wenn wir nicht darin herumtrampeln. Darum hat sie in drei Institutionen gefilmt, in denen sich entweder noch niemand aufhielt, weil es zu früh am Morgen war. Oder in denen gerade eine Ausstellung abgebaut und die nächste kurz vor dem Aufbau war. Die Beschäftigung mit dem Kunsthaus Glarus - «eines der schönsten Museen der Schweiz», schwärmt Spierenburg - und dessen Architekt Hans Leuzinger führte die Künstlerin ins schwedische Östergötlands Museum, das Leuzinger oft für Recherchezwecke fotografiert hat. Der Architekt wiederum, der das Kunsthaus in Schweden gebaut hat, hatte sich vom Boijmans Museum in Rotterdam inspirieren lassen. Spierenburg folgt dieser architektonischen Assoziationskette - und fährt mit der Filmkamera den linearen Strukturen der Häuser nach.
Der Mensch fehlt in den zwei nebeneinander gezeigten Videoprojektionen mit Bildmaterial aus allen drei Institutionen vollständig. Deshalb drängt sich hier eine ähnliche Frage auf wie die zum Lärm, den ein Baum macht, der mitten im Wald ungehört umfällt: Welche Laute gibt ein Museum von sich, wenn niemand zuhört? Wird die Aura von Kunstwerken mit der Raumbeleuchtung ausgeschaltet? Und was macht die Leere mit einem Museum wie dem Kunsthaus Glarus? Leere Museumsräume als Kunstwerke gab es ja schon oft, wie etwa die Ausstellung «Voids» in der Kunsthalle Bern 2009 enzyklopädisch aufzeigte. Doch hier fehlt auch noch das Element, das bei leeren Ausstellungsräumen zum zentralen Exponat wird - die das Haus durchstreifenden Besucherinnen und Besucher.
Dafür wird hier das Museum quasi zum Lebewesen (in der Kunsthalle Bern gab es ja auch schon eine Ausstellung zum «Animismus»...): Es bewegt sich, erhellt oder verdunkelt sich, beginnt automatisch zu funktionieren. Dem Lebewesen Aargauer Kunsthaus sehen wir dabei nicht in die Eingeweide, aber wir hören in der Audioarbeit ‹Shaped Light›, 2014, den Ton der Lamellendrehungen im Dach des Hauses, die das Licht im Ausstellungsraum optimieren. Der in diesem Fall, bis auf Lautsprecher an der Decke, leer bleibt. Endlich weiss man, wie Licht tönt.
Und endlich kann man die Ecken von Kunstinstitutionen mit nach Hause nehmen: Spierenburg hat mit der Edition Fink zusammen eine Publikation zur Ausstellung entwickelt, die den dreidimensionalen Raum publizistisch erweitert: Es handelt sich dabei um abfotografierte Raumecken der drei besuchten und gefilmten Institutionen, ergänzt durch ein Textheft. Die Eckbilder sind aber nicht etwa gebunden, sondern liegen lose ineinander. Somit lassen sie sich auf die Eckpunkte der eigenen vier Wände verteilen - oder aber in die Welt hinausschicken. Die Ecken der Ausstellungsräume sind also potenziell die Ecken unserer Welt.

Kunst über Kunst über Kunst
Konsequenterweise nimmt die monumentalste Installation der Ausstellung die Ecksituationen insofern wieder auf, als sie diese, ganz ähnlich wie in der Publikation, vervielfacht: ‹Zig Zag›, 2014, besteht aus dünnen Acrystalplatten, die stehend in einem Zickzack-Muster durch den Raum verlaufen und einerseits an einen Display-Entwurf von Hans Leuzinger, den Architekten des Kunsthaus Glarus, erinnern. In ihrer Fragilität haben sie andererseits wieder etwas von einem überdimensionierten Papier-Leporello, das eben - wie das Buch - Eckpunkte bildet. «Das Zickzack-Muster kommt übrigens auch auf Backsteinen wieder vor, die im Kunsthaus Glarus verbaut und in den Filmen zu sehen sind. Ich habe herausgefunden, dass es sich dabei um Einritzungen handelt, welche die Produzentinnen dieser Backsteine angebracht haben, die sich so ein klein wenig verewigt haben», erklärt Spierenburg. Der Mensch ist eben auch ins Museum eingebaut, wenn sie oder er grad nicht da sind.
Der Publikation gelingt der Schritt aus dem geschützten Rahmen des Museums heraus. Das Koordinatensystem, das Spierenburg aufspannt, endet nun nicht mehr in den Ecken des Aargauer Kunsthaus, sondern greift aus. Wie Spierenburg selbst, die in der Gesprächsreihe ‹This Book› im Zürcher Corner College schon mehrmals in die Welt hinausskypte, um mit internationalen und Schweizer Kunstschaffenden öffentlich über deren Publikationen zu sprechen und sich Gedanken zu machen über Sinn und Unsinn der zunehmenden Publikationsfreude im Kunstbetrieb.
Ist Spierenburgs Kunst also wirklich «Art about Art», wie uns der unbewusst choreografierte Toilettenbesuch anhand des Zitats von Gérald Minkoff vorwarnte? ­Natürlich. Aber wenn die Eckpunkte dieser Kunst so weit ins Leben hinausreichen, ist das durchaus legitim.Daniel Morgenthaler ist Kurator am Helmhaus Zürich und freier Autor. dani_moergi@hotmail.com


Bis: 21.04.2014


Veronika Spierenburg (*1981, Schlieren/Zürich) lebt in Zürich
1999-2002 Designstudium an der Schule für Gestaltung, Basel
2005 Bachelor in Fotografie an der Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam
2006 Master of Fine Arts am Central Saint Martins College, London

Einzelausstellungen
2008 ‹For Two Voices›, Shed-and-a-Half Gallery, London
2008 ‹K like Kaktus›, Kiasma, Helsinki
2009 ‹Ausverkauf›, Station 21, Zürich

Gruppenausstellungen
2006 ‹Goudslicht›, Gouda, Niederlande
2008-2012 ‹Auswahl›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2009 ‹About Now›, message salon downtown, Zürich
2010 Galerie Lucy Mackintosh, Lausanne

‹Ecke, Hoek, Hörn›, edition fink, 2014



Links

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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Veronika Spierenburg, Matthias Wyss [25.01.14-21.04.14]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Veronika Spierenburg
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