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Fokus
4.2014


 Konzentriert schwingt ein Mann - sowjetische Arbeitskleider, Kosakenstiefel - zwei Flaggen oder Fackeln über dem Kopf. Er ist angespannt und wirkt doch federnd und leicht. Das Bild ist Dynamik pur: Einem gespannten Bogen gleich formen sich die dunklen Teile aus der Leere des Weiss, schnellt unser Blick von der Schwere der Füsse ins Flattern der Luft.


Ansichten - Die Wünsche der Fabrikschlote


von: Yvonne Volkart

  
Arsenji Avraamov · Konzert der Fabriksirenen und Dampfpfeifen, Baku oder Moskau, 1922 oder 1923


Die Aufnahme selbst wird zu jenem Körper, von dem sie erzählt. Solche Koinzidenzen von Medium und Erzählung, Repräsentanz und Präsenz, Sichtbarkeit und Abwesenheit sind es, die mich bei Bildern wie diesem faszinieren. Auch wenn das in diesem Bild vielleicht nur zufällig, aufgrund seiner «schlechten» Qualität geschieht. Denn zunächst geht es hier um die Dokumentation der Uraufführung einer Symphonie. Und zunächst bin ich auf dieses Dokument einer beinahe in Vergessenheit geratenen Intervention nur zufällig gestossen. Beim Lesen im Gesamtwerk des Dichters Velimir Chlebnikov, der ein paar Monate vor Entstehung dieses Bildes verstarb.
Zu sehen ist der Musiktheoretiker und Komponist Arsenji Mikhailovich Krasnokutskij, alias Avraamov, alias Ars, der am 7.11.1922 anlässlich des fünften Jahrestags der Oktoberrevolution seine «Symphonie der Fabriksirenen» dirigierte. Als Musikinstrumente diente, was in der kriegs- und industrietechnisch aufgerüsteten Hafenstadt Baku, einem der grössten Ölhäfen im Kaspischen Meer, vorhanden war: Fabriksirenen, Nebelhörner von Dampfschiffen, Kanonenschüsse, Geschützsalven der Artillerie, Lokomotivpfeifen, Fluglärm, Glockengeläut, Ad-hoc-Chöre von anwesenden Arbeitern, eine aus Dampfkesseln konstruierte «Orgel». Diese traten in einer genau getakteten, dreiteiligen Gliederung, jeweils durch 25 Kanonenschüsse eingeleitet, in ihre ohrenbetäubende musikalische Aktion.
In Avraamovs «Symphonie der Fabriksirenen» bestimmt gewissermassen das Leben selbst den Takt der Kunst, die wiederum ins Leben eingreift. Jeder und jedem gibt sie lauthals zu verstehen, dass die Langsamkeit der zaristischen Agrarwirtschaft der Dynamik der sowjetischen Industrialisierung gewichen ist. Die Vorstellung schöngeistiger Subjektivität hat im Zeitalter der Maschinen ausgedient. Beim Lesen in Chlebnikovs Buch bin ich aber nicht nur an diesem Bild hängengeblieben, sondern auch an einem Satz des Dichters, den der Herausgeber Peter Urban unter dieses Bild montiert haben muss: «In den Fabrikschloten den Wunsch wecken, der aufgehenden Sonne ein Loblied zu singen, an der Seine wie in Tokio, am Nil und in Delhi...».
Dieser Satz ist immer noch bahnbrechend. Er spricht von Maschinen, die Wünsche haben, von Leidenschaft und Respekt, die Menschen, Dinge und Natur gleichermassen verbinden, egal, was man «von Natur aus» zu sein vermeint oder wohinein man geboren ist. Er spricht von Globalisierung und Vernetzung... der anderen Art...
Yvonne Volkart lebt als freie Autorin und Kuratorin in Zürich und unterrichtet Kunst- und Medientheorie an der HGK FHNW und ZHdK. yvolkart@sunrise.ch



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Ausgabe 4  2014
Autor/in Yvonne Volkart
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