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Besprechung
4.2014


Irene Müller :  In den letzten Jahren hat Andreas Marti seine Ausdrucksmittel stetig erweitert. Zu Zeichnungen sind skulpturale und installative Arbeiten getreten, welche die Möglichkeiten der Repräsentation räumlich und prozessual untersuchen. Zwei Ausstellungen bieten nun Gelegenheit, diese Entwicklung zu verfolgen.


Altdorf/Biel : Andreas Marti - Präzise der Kontrolle entzogen


  
links: Andreas Marti · A Kind of Horizon, 2012, Gummifolie, Schnittzeichnung, gerahmt, je 30x42 cm
rechts: Andreas Marti · Disappearance as an Option, 2013, Papier, Papierschnitt, 35x70x50 cm


Ungeachtet ihrer medialen Ausweitung lösen die Arbeiten von Andreas Marti (*1967) auf den ersten Blick eigentlich diametrale Empfindungen aus: einerseits eine sachlich spröde, fast schon technische, andererseits eine latente eigendynamische, materielle Anmutung. So scheinen Arbeiten wie ‹A Test of Tests› oder ‹Disappearance as an Option› von physikalischen Gesetzmässigkeiten bestimmt, zugleich wird den Werkstoffen Freiraum zur Verselbstständigung eingeräumt. Hinter dem vermeintlich sich selbst überlassenen Material stehen jedoch eine präzise Konzeption und minutiöse Handarbeit. Marti behandelt jedes Blatt des Papierstapels individuell: Er versieht es jeweils mit einem spezifischen Farbauftrag, der im Ganzen dann das Einsickern der roten Farbe simuliert. Ebenso sind die trichterförmigen Löcher oder ‹Wurmgänge›, die an maschinelle Ausfräsungen erinnern, massgeschneidert. Es sind somit Konventionen der Visualisierung von Wirklichkeiten sowie ihrer Wahrnehmung, die Marti zur Schau stellt und assoziativ auslotet.
Zahlreiche Schnitt-Arbeiten lassen dieses Verfahren umso deutlicher zutage treten, als sie im Spannungsverhältnis zur Zeichnung als programmatischer Referenz agieren. Marti verwendet hier Schablonen, die auf Medienbildern und dem eigenen Bildarchiv basieren. Statt dem zeichnerischen Duktus überantwortet er den markanten Schnitten und sich überlagernden Profillinien die Aufgabe, Bedeutung herzustellen oder «etwas zu versprechen» (AM). Bei ‹A Kind of Horizon› artikuliert sich in den Schnittspuren im weissen Trägerpapier und der weichen, auf den Boden des Rahmens gesunkenen Gummifolie eine affektive Dimension, die nicht nur der Geste des Freilegens entspringt, sondern auch dem Assoziationspotenzial der Linien sowie der durch sie geformten Silhouetten verpflichtet ist. Dadurch formuliert Marti einen expliziten Gegenentwurf zum Topos der zeichnenden Hand, der ein unmittelbarer künstlerischer Ausdruck attestiert wird. Dieser «enttäuschten Erwartung» - so Marti - treten in den Arbeiten phänomenologische und semantische Signaturen entgegen. Sie sind gleichsam Indizien für eine künstlerische Praxis, die sowohl Prozesse sinnlicher Erfahrung und daraus resultierender Erkenntnis fokussiert, als auch an der Schnittstelle von identifizierbaren Zeichen und unvorhersehbaren Artikulationen agiert.

Bis: 18.05.2014



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Andreas Marti [20.03.14-26.04.14]
Ausstellungen Andreas Marti, Hanna Roeckle, Bernard Voïta [08.03.14-18.05.14]
Video Video
Institutionen nar - gallery [Biel/Bienne/Schweiz]
Institutionen Haus für Kunst Uri [Altdorf/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Andreas Marti
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