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Besprechung
4.2014


Gabriel Flückiger :  Obwohl von den Kunstschaffenden mit der Zeit als Misserfolg abgetan, fassten als Kunstwerk verstandene Spielobjekte Mitte des vergangenen Jahrhunderts den Werkbegriff und die Rolle des Rezipienten in einer Weise neu, die auch heute wieder aktuell ist. Ein reichhaltiger Überblick im Museum Tinguely.


Basel : ‹Spielobjekte - Die Kunst der Möglichkeiten›


  
links: Julio Le Parc · Boules sur ressorts, 1963, Holz, Farbe, Kork, 3 Kugeln an Metallfedern, 250x50x50 cm ©ProLitteris. Foto: Julio Le Parc
rechts: Julio Le Parc · Boules sur ressorts, 1963-65, Holz, Farbe, Kork, 3 Kugeln an Metallfedern, 247x124x35 cm, Edition 1/9, Atelier Le Parc, Cachan ©ProLitteris. Foto: Archives Atelier Le Parc, Cachan


Alles ist weiss, vom Tisch über das Sofa bis zum Klavier und den Plastikblumen. Sogar der Gartenzwerg lächelt in weissem Lack. Doch die Besuchenden dürfen Spuren hinterlassen und die monochrome Jungfräulichkeit mit farbigen Stickern aufbrechen. Enthemmt und spielerisch wird das Regal mit Musterungen versehen und dem Zwerg ein grüner Kreis aufs Auge gesetzt. Das interaktive Werk der Japanerin Yayoi Kusama setzt in der von Anja Müller-Alsbach und Frederik Schikowski kuratierten Übersichtsausstellung zum Kunstwerk als Spielobjekt einen heiteren zeitgenössischen Endpunkt.
Zur Teilnahme einladende, formalistisch-konkrete Installationen, Bilder, Reliefs und Skulpturen wie diejenigen von Karl Gerstner, Gerhard von Graevenitz, Lydia Clark oder der ‹Groupe de Recherche d'Art Visuel› waren zwischen den Fünziger- und Siebzigerjahren besonders en vogue, auch wenn ihnen zu Beginn ein schwerer Stand beschieden war. Kunstschaffende, die nur eine Art Dispositiv zur Verfügung stellen, das in demokratischer Manier von allen mutiert und umgestaltet werden soll - das widersprach gängigen Vorstellungen. Durch die gestalterische Zufälligkeit, wenn beispielsweise die Aluminiumstäbe einer Säule von Mary Vieria, 1966/1968, nach Belieben verschoben werden konnten, schien auch die künstlerische Autorschaft als Autoritäts- und Authentifizierungsinstanz in Frage gestellt. Doch die Werke sollten nicht originär sein, museale Weihe erhalten oder sozialer Distinktion dienen, sondern als preiswerte Multiples oder öffentlich installiert - so zumindest die Absicht gewisser Künstler/innen - emanzipatorisch wirken und eine (politische) Aktivierung des Einzelnen bewirken. Das distanzierte, kontemplative Betrachten schien ebenso fehl am Platz wie bisherige kunsttypische Materialien. Umso zentraler der bissige Witz: Dieter Roth zeichnete 1961 mit Gummibändern auf einem Nagelbrett, Gabriele Devecchi lud 1959 ein, Kuben aus Moltopren mit Füssen zu kicken und bei Dieter Hacker durfte man 1959 weisse Schokoladenlinsen aus schwarzen Quadratfeldern essen. Allmählich in Vergessenheit geraten - eine Millionenauflage erzielte einzig Peter Clahsens ‹cubicus› von 1968 -, erhielten solche Haltungen erst im Zuge der ‹relational aesthetics› der Neunzigerjahre wieder Aufschwung. Nun wird auch der Raum von Kusuma im Laufe der Ausstellung in fülliger Buntheit aufblühen. Nur scheinen die politischen Phantasien ob so viel schillerndem Schein entflogen.


Bis: 11.05.2014



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Spielobjekte - Die Kunst der Möglichkeiten [19.02.14-11.05.14]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
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