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Besprechung
4.2014


Markus Stegmann :  Zwischen den Spätwerken von Odilon Redon und Gerhard Richter liegen rund hundert Jahre. So unterschiedlich Form und Inhalt ihrer Malerei auch sind, in der Polychromie zeigen sich vergleichbare künstlerische Haltungen zwischen Schlaf und Anarchie, kindlichem Spiel und romantischer Sehnsucht.


Basel, Riehen, Winterthur : Redon und Richter - Polychromie zwischen Schlaf und Spiel


  
links: Gerhard Richter · Saal mit Kartenhaus, 7 Scheiben (932), 2013, und Strips, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Winterthur. Foto: Reto Kaufmann
rechts: Odilon Redon · Le Char d'Apollon, um 1910, Öl und Pastell auf Leinwand, 91,5x77,0 cm, Musée d'Orsay, Paris. Foto: RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay)/Hervé Lewandowski


Hier der erfolgreiche, zu Höchstpreisen gehandelte Gerhard Richter (*1932, Dresden), der seine künstlerische Sprache seit den frühen Sechzigerjahren kontinuierlich und zugleich sprunghaft in Vor- und Rückgriffen entwickelt und längst zu einem der bedeutendsten Maler der Gegenwart avancierte, wegweisend für mehrere Generationen von Kunstschaffenden. Dort der Zeit seines Lebens zurückgezogen arbeitende Odilon Redon (1840-1916), einer der schillerndsten Wegbereiter der Moderne zwischen Tradition und Innovation, in dessen Spätwerk eine stille Trauer um den Verlust abendländischer Mythen auf den fulminanten Aufbruch autonomer Farbe trifft.
Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums Winterthur, zeigt drei beeindruckende, neue Werkgruppen Gerhard Richters, welche die ungebrochene Erfindungskraft des Künstlers belegen. Die ‹Strip›-Bilder flirren vor Augen, als würden Tausende kleiner Farb- oder Lichtpartikel in hoher Geschwindigkeit horizontal vorbeischies-sen. Das Flirren ist derart intensiv, dass man das Gefühl für den Bildraum und die räumliche Distanz zum Bild verliert. Einen Gegenpol formulieren zwei grossformatige Glasskulpturen. Hintereinander gestaffelte, teilverspiegelte Scheiben verschleifen den Raum, entgrenzen und entmaterialisieren ihn. Beide Werkgruppen entwickeln einen erstaunlichen Sog, als wollten sie mit den Betrachtenden der Welt entfliehen. Nur: Wohin, ist die Frage. Aber genau dieses Fortwollen ohne Plan entspricht einer romantischen Auffassung und verweist auf innere Verwandtschaften über die Jahrhunderte. Die Lackbilder hinter Glas belegen ein obsessives Interesse des Künstlers an den magischen Wirkungen der Farbe. Farbschlieren von orchestraler Opulenz erinnern an Intarsien, geschliffene Achatscheiben oder an die psychedelischen Farbexperimente der frühen Siebzigerjahre. Der Glanz des Glases schafft Distanz und lässt die Farbmaterie noch kostbarer erscheinen. Wie ein seltenes Präparat, eingelegt in Formalin, ist die Farbe unberührbar konserviert.
Raphaël Bouvier, Kurator an der Fondation Beyeler, präsentiert eine gelungene Überblicksausstellung zum Werk von Odilon Redon, die bedeutende Hauptwerke zusammenführt und somit einen differenzierten Blick auf das Gesamtwerk des Künstlers erlaubt. Neben den wichtigen schwarzweissen Papierarbeiten des Frühwerks berühren vor allem die in sich versunkenen und gleichzeitig bunt sprühenden Bilder des Spätwerks. Die eigenwillige Verschmelzung von mythischen Bezügen mit einer fulminant aufbrechenden Polychromie kennzeichnet Redon an der Schwelle zur Moderne als traumwandlerischen Erneuerer der Malerei - lange Zeit von der Kunstgeschichte unterschätzt. Jenseits des Sichtbaren öffnet er dem Unbewussten, Traum und Schlaf neue Erscheinungsformen und nimmt somit wichtige Prinzipien des Surrealismus vorweg. Die symphonische Farbigkeit schüttelt ihre traditionelle Funktion der Bezeichnung der Motive locker ab und wird als autonomes Bildelement zum Ausdrucksträger innerer, existentieller Befindlichkeit. Hier antizipiert Redon nicht nur den Expressionismus, sondern auch die diffuse Auflösung der Materie in der informellen Malerei Mitte des 20. Jahrhunderts.
Unbesehen aller offensichtlichen, nicht zuletzt zeitlichen Unterschiede vertrauen Richter und Redon der geheimnisvollen, archaischen Energie der Farbe. Aus der orchestralen Polychromie leitet sich ein irrationales, romantisch temperiertes Verständnis ihrer Ausstrahlungskraft ab. Während bei den Glasbildern Richters die materielle Erscheinung und die kindliche Lust am Experiment im Vordergrund stehen, entwickelt Redon aus weichen, diffusen Bildgründen seine symbolistisch geprägte Bildvorstellung. Richter verzichtet auf metaphorische Anspielungen, Redon hingegen setzt den abendländischen Mythen ein wunderbares Memento mori. Die Nähe zur puren Farbmaterie ist bei Richter nicht zu übersehen, und der Verzicht auf inhaltliche Aussagen fokussiert abermals die Stofflichkeit, doch genau dadurch setzt der Künstler die Frage in Gang, ob sich tatsächlich alles in der Materie erschöpft. Nicht ohne Humor lässt er die Frage offen, die umso virulenter wird, je intensiver man sich den Pigmenten zuwendet. Bei Redon hingegen liefert die Figur den mythologischen Kontext, allerdings ist sie kaum mehr als eine helle Silhouette, wirkt entstofflicht, schlafend, in sich gekehrt. Die aufblühende Vielfarbigkeit überflügelt sie mühelos. Redons Polychromie ist zweifellos erdiger und verhaltener als jene Richters, der freudvoll alle Register technischer Machbarkeit zieht. Bei beiden führt die Vielfarbigkeit fort von der äusseren Realität hin zu einem transzendenten Terrain, das in letzter Konsequenz aber nicht zu entziffern ist. Denn der mythologische Hintergrund bei Redon erklärt genauso wenig die Realität der Polychromie wie Materie und Technik bei Richter. Glücklicherweise also keine Antworten, dafür umso dringlichere Fragen nach der magischen Wirklichkeit der Farbe, wobei die Betrachtung der Originale einmal mehr unverzichtbar ist.

Bis: 18.05.2014


Publikation im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln
Publikation im Verlag Hatje Cantz, Ostfildern



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Odilon Redon [02.02.14-18.05.14]
Ausstellungen Gerhard Richter: Streifen und Glas [18.01.14-21.04.14]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Institutionen Kunst Museum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Odilon Redon
Künstler/in Gerhard Richter
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