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Besprechung
4.2014


Pablo Müller :  Im Kunsthaus Glarus zeigt Guillaume Pilet, wieviel Mensch in einem Affen und wieviel Affe in einem Menschen steckt. Dabei erzählt der Westschweizer Künstler von den menschlichen ­Unzulänglichkeiten, von unserem Verhältnis zu den Primaten und von den Abgründen emotionaler Bindung.


Glarus : Guillaume Pilet - Halb Affe, halb Mensch


  
Guillaume Pilet · Cage Painting (Sunset), 2014; Cage Painting (Wet Jungle), 2014, Acryl auf Leinwand, Diptychon. Foto: Gunnar Meier


Die Theorie der Evolution behauptet eine Abstammung des Menschen von den Primaten. In Experimenten wird seit dieser Entdeckung das Verhalten der Primaten in Hinblick auf ein besseres Verständnis der menschlichen Verhaltensweisen untersucht. Nichtsdestotrotz bleiben uns diese scheinbar vertrauten, mit sozialen und technischen Fähigkeiten ausgestatteten Wesen fremd, weshalb deren unberechenbare wilde Seite bis heute Stoff für zahlreiche Bücher und Filme bietet.
In die unheimlichen Tiefen dieses ambivalenten Verhältnisses führt uns der in Lausanne lebende Guillaume Pilet (*1984, Payerne) in seiner ersten institutionellen Einzelausstellung. Der Titel der Schau ‹Learning to Love› ist einer gleichnamigen Studie des umstrittenen amerikanischen Entwicklungspsychologen und Verhaltensforschers Harry Harlow entliehen. In dieser in den Fünfzigerjahren begonnenen Studie stellte der Forscher junge Rhesus-Äffchen vor die Wahl einer Milch spendenden Ersatzmutter aus Draht sowie einer in weichen Stoff gekleideten Mutter-Attrappe. In diesem Experiment konnte die zentrale Rolle emotionaler Bindung für die Entwicklung der Primaten nachgewiesen werden. Pilet stellt in einer Videoinstallation die von Harry Harlow entwickelten Versuchsanordnungen nach. Allerdings ist bei Guillaume der Affe ein Mensch in einem Kostüm. Dieser wird von einer zweiten Person zu bestimmten Handlungen angeleitet, wie bspw. aus einer Tasse zu trinken. Der als Affe verkleidete Mensch tritt auch alleine auf und muss seine Fähigkeiten - wie Trommel spielen, Malen, eine Schreibmaschine betätigen - unter Beweis stellen. Diese allegorisch zu verstehenden Szenen verweisen einerseits auf die menschlichen Unzulänglichkeiten. Andererseits wird im Wechselspiel der beiden Protagonisten die emotionale Bindung zu einem durch Macht und Abhängigkeiten geprägten Verhängnis.
Auch in den im Treppenhaus hängenden ‹Cage-Paintings›, 2014, ist ein paradiesischer Zustand - hier durch eine an Henri Rousseau erinnernde tropische Vegetation symbolisiert - nur mit dem Preis des Verzichts auf die Freiheit zu erlangen. Das vermeintliche Paradies wird zu einem Gefängnis. Den Abschluss der sehenswerten Ausstellung bildet ein vom Künstler angelegtes und im Untergeschoss sorgfältig inszeniertes Archiv mit Nippes, Filmplakaten, Kostümen, Zeitschriften. Dieses stellt die präsentierten Werke in einen erweiterten kulturhistorischen Kontext und beleuchtet unser ambivalentes Verhältnis zu unseren Vorfahren.

Bis: 04.05.2014



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Nina Beier, Guillaume Pilet [09.02.14-04.05.14]
Video Video
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Guillaume Pilet
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