Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2014


Hans Rudolf Reust :


Zürich : Nils Nova - Leerung des Zentrums durch den Aufbau der Ränder


  
links: Nils Nova · Empty Center (Stripes), 2014, Acryl auf Baumwolle, 190x144 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich
rechts: Nils Nova · Clous up (Nr. 22), 2014, Öl auf Leinwand, 150x230 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich


Zürich - Ein Ledersofa als «Close-up», in Schwarz und Weiss wie aus Lichtreflexen gemalt, erscheint leer. Leerer noch als die Vorstellung, hier könnte jemand gesessen haben, der jetzt weg ist. Die zwei Sitzflächen halbieren den zerknutschten Kubus, während die Seiten- und die Rückenlehne eine leere Mitte umrahmen. ‹Empty Centers› nennt Nils Nova (*1968, Santa Ana/El Salvador) auch eine Reihe von Bildern auf Leinwand oder Metall, deren Zentrum von Malerei entleert scheint, während die Dichte der Pigmentwolken gegen die Ränder hin kontinuierlich zunimmt. Die Abwesenheit von Motiven, aber auch das Entschwinden von Farbe im Zentrum eines Formats, schafft unweigerlich einen optischen Sog. Diese Arbeiten sind kaum abzubilden, denn die feinen, mit breiten Pinseln oder Spray lasierend aufgetragenen Farbschleier bilden schwer fokussierbare Tiefenräume, in denen sich die Blicke verlieren, in denen sie versinken, um wieder ganz an die Oberfläche verwiesen zu werden.
Eine verwandte Erfahrung vermitteln die raumgreifenden Glaskonstruktionen von Gerhard Richter, die gegenwärtig im Kunstmuseum Winterthur zu sehen sind: In einer Reihe leicht schräg zueinander versetzt oder in bizarrer Verschachtelung aneinander gelehnt, bilden riesige Gläser einen halb transparenten, vielfach verspiegelten Körper im Raum, durch den sich das Sehen in der Tiefe verflüchtigt. Das romantische Motiv des Blicks in die Unendlichkeit klingt hier ebenso an wie eine ultimative Kritik des Illusionismus durch seine Übersteigerung im realen Raum. Bei Nova finden sich im Zentrum seiner Malerei sogar leise weisse Drippings, die an Caspar David Friedrichs ‹Kreidefelsen auf Rügen› erinnern, nachdem die Figuren von der Bühne abgetreten sind. Wo er den Ausstellungsraum durch aufgemalte perspektivische Fluchten erweitert, paradox verschachtelt und gleichzeitig wieder auf die reine Wandfläche zurückführt, sucht auch er einen äusserst gesteigerten Illusionismus.
Es ist selbstverständlich geworden, dass die Malerei im alltäglichen Wechselspiel der realen und der virtuellen Räume einen ständig ändernden Status beanspruchen kann. Dass sie die Selbstverständlichkeit ihres Ortes verloren hat, ist lange her. Nova zeigt sie als eine reine Projektionsfläche, die nach den möglichen Besetzungen ebenso fragt wie nach dem Verlust aller Projektionen.
Roland Barthes beschreibt im ‹Reich der Zeichen›, 1970, die Anlage der Stadt Tokio als ein Megaereignis, das sich um ein leeres, weil für die meisten Menschen unbetretbares Zentrum herum abspielt: den Kaiserpalast in seinen von Mauern umfriedeten Parks. Dem leeren Stadtzentrum entsprechend beschreibt er das Japanische als eine Sprache, in der die Stelle des Subjekts vielfach umschrieben wird, die es letztlich aber «zu einer grossen Sprachhülle macht und nicht zu jenem vollen Kern, der unsere Sätze - von aussen und von oben - vorgeblich lenkt». Die Bildmitte nicht nur leer zu lassen, sondern permanent zu entleeren, indem die Malerei zentrifugal nach allen Seiten hin die Farbe verdichtet, nimmt diese Verflüchtigung des Subjektes auf und bringt es zugleich ins Spiel als eine Instanz, die Projektionen auslösen und zugleich wieder verlassen darf. Besonders in den schattenhaften Umbra-, den Ombra-Tönen bewirkt die Materialität der Farbe eine Dämmerung an den Rändern, mit der sich dazwischen ein Bereich wachsender Helligkeit öffnet. Der Fokus der Projektionsfläche füllt sich dabei mit Licht, das allein durch das Raster oder die Textur der sich überlagernden Pinselbahnen noch materiell gebrochen wird.
Und wenn wir es hier nicht mit einer weltabgewandten, meditativen Leere zu tun hätten, sondern mit Lücken, die anzeigen, was an Entsetzlichem zu ahnen, aber nicht darstellbar ist? Das Close-up auf das Sofa wäre dann eine Erinnerung an Menschen, die fehlen. Die Ausblendung oder die Überblendung von Subjekten könnte ein Indiz ihrer Gefährdung sein. So hat auch Luc Tuymans verschiedene überhelle Bilder reiner Projektionen gemalt. Spätestens wenn die Galerie zur bemalten Bühne wird, gerät jedes autonom gedachte Bild bewusst in die Abhängigkeit einer zeitlich bedingten, performativen Situation, die uns als Betrachtende unausweichlich einschliesst. Nicht nur vor die spiegelnden Oberflächen aus Metall, sondern auch vor die opaken Leinwände treten wir wie vor einen Spiegel, dessen schattenhafter Widerschein an die Möglichkeit eines Porträts erinnert, dessen Konturen nie stabil sind. Bis zur Eröffnung will Nova weiter an seinem Selbstbildnis malen.


Bis: 19.04.2014



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Monika Brandmeier, Nils Nova [08.03.14-19.04.14]
Institutionen Galerie Mark Müller [Zürich/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Nils Nova
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1403221138198QB-18
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.