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Besprechung
4.2014


Heidi Brunnschweiler :  Modulationen des Barocken geistern durch die Werke des englischen Künstlers Ed Atkins. Digital spektakulär und berauschend wird etwa in der neuen Arbeit ‹Ribbons› die «Falschheit der heutigen Welt» inszeniert. Die älteren Videos sind noch mehr dem sperrig-analytischen Register verhaftet.


Zürich : Ed Atkins - Leidende Avatare und andere digitale Phantasmen


  
Ed Atkins · Installationsansicht Kunsthalle Zürich, 2014. Foto: Stefan Altenburger


In der Doppelprojektion ‹Us Dead Talk Love›, 2012, begegnen wir einem meist körperlosen Avatar, der über mediale und existenzialistische Selbst-Repräsentation sinniert. Seine digitale Existenz bleibt durch die zu glatte Haut, die fehlende Muskelstruktur und die mechanischen Sprechbewegungen immer gegenwärtig, auch wenn die mit neuester Software erzeugten Illusionseffekte ansatzweise dem barocken Trompe-l'oeil in nichts nachstehen. Während die Holländer die Illusionskunst zelebrierten, unterzieht sie Ed Atkins (*1982, London) einer schonungslosen Dekonstruktion. In Analogie zum Structural Film der Siebzigerjahre werden die Illusionseffekte des Digitalen offengelegt und einer Ideologiekritik unterzogen.
Wie die Britin Elizabeth Price setzt Atkins auf unvermittelte Klicks, Textzitate oder abrupte Montage. Gleichzeitig nutzt er das Digitale zur Erkundung einer neuen Subjektrepräsentation, der er durch metaphorische Transformationen von Bildmotiven sozusagen virtuelle Realität verleiht. In ‹Ribbons›, 2014, der gesamtkunstwerkartigen Installation im Obergeschoss, wird dazu das visuelle Potenzial der Metaphorik von Alkohol überzeugend in Gang gesetzt. Auf drei Grossleinwänden begegnen wir tätowierten nackten Zweiflern und Buhmännern aus dem Internet. Wie ein Motto ist ihrer Stirn «asshole» eingeritzt, wodurch sie zu Verkörperungen der Monstrosität werden, der zu Unrecht verdrängten Kehrseite der glatten und trügerischen Oberfläche einer alles bejahenden Facebook-Kultur. Ihr Leiden an der Zeit, an gesellschaftlicher Falschheit und Lieblosigkeit, und ihre Sehnsucht nach Anerkennung drücken sie in sentimentalen Popsong-Zitaten aus. Gemeinsam singen sie die seelische Not ihrer abgelehnten Existenz ironisch reflektierend im «Erbarme dich» aus Bachs Matthäus-Passion. Alkohol ist ihre einzige, allgegenwärtige Hoffnung. Buchstäblich «unter den Tisch gesoffen» hocken sie zusammengekauert, greifen nach einem Whiskyglas oder liegen berauscht inmitten eines stilllebenartigen Gelages.
Alkohol wird zum Sinnbild der digitalen Repräsentation. Als negativ plastische Kraft verkörpert er bei der französischen Philosophin Catherine Malabou, auf die sich Atkins bezieht, die Möglichkeit, abrupt ein anderer zu werden. Die Arbeit inszeniert so das Digitale als Ort, wo das gesellschaftlich Verdrängte permanent zu einem neuen, prekären «Realen» geformt werden kann. Bleibt zu hoffen, dass Atkins diese sinnlichere Ebene seiner barocken Metakunst weiterverfolgt.

Bis: 11.05.2014



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Ed Atkins, Lektor [15.02.14-11.05.14]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Ed Atkins
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