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Editorial
5.2014




Brancusi im Aquarium


  
TITELBILD · Pierre Huyghe · Zoodram 4, 2011, lebendes maritimes Ökosystem, Auarium, Kunstharz­guss von La Muse endormie (1910) von Constantin Brancusi, 134,6x99,1x76,2 cm, Ishikawa Collection, Okayama, Japan, Courtesy Marian Goodman Gallery, New York; Esther Schipper ©ProLitteris. Foto: ©Guillaume Ziccarelli


Die Muse schläft. Nicht dort, wo sie Constantin Brancusi vor hundert Jahren platziert hatte, auf einem roh behauenen Sockel aus Holz oder auf einem Stein, wuchtig wie ein Mühlerad. Oder dort, wo sie Man Ray später fotografierte, auf dem samtbeschlagenen Hockerchen in einem plüschschweren Salon. Nein, sie treibt auf dem Grund eines trüben Aquariums. Doch heute wie damals erzählt das Gesicht dieselbe Geschichte eines erwachenden Bewusstseins - mit geschlossenen Augen und hellwachem Geist.
Pierre Huyghe hat in den vergangenen Jahren mehrere Aquarien in Kunsträume gestellt, «maritime Ökosysteme», in denen spinnenartige Wesen durchs Wasser staksen, antennenbewehrte Fische herumflitzen und Seeanemonen ihre Tentakel schlenkern lassen. Diese geschlossenen Systeme sind anziehend und mysteriös: Was ist echt, was künstlich, was lebt und was ist tot? Wieso schwimmt der Stein an der Wasseroberfläche, wie reagiert der Seestern auf den versunkenen Spiegel, was will der Krebs mit der Maske?
Huyghe ist ein Erzähler und führt zugleich vor Augen, unter welchen Bedingungen Geschichten entstehen. Kreativität ist eine Frage des Bewusstseins. Ganz egal, ob wir in einer umwucherten Lichtung im Kasseler Auepark einen verwilderten Hund mit einem rosafarbenen Bein suchen und stattdessen über eine Schildkröte stolpern oder ob wir in ein Aquarium starren. Unmerklich werden wir von Wissenden zu Überraschten, sind Teil einer Versuchsanordnung, in der wir mit geschärften Sinnen Leben beobachten. Dabei öffnet sich der Blick für Neues. Für eine Erzählung, die nicht wie bei Brancusi über eine endlose Säule in den Himmel, sondern über eine teildomestizierte Natur zu den Anfängen der Zivilisation führt. An den Ursprung der Sprache, wo wir nach Worten für Objekte, Wesen, Bewegungen und Begegnungen suchen.



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Ausgabe 5  2014
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Pierre Huyghe
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