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Fokus
5.2014


 Seit den Neunzigern mäandert Pierre Huyghe zwischen Realität und Fiktion, transportiert clever Sinn durch Sinnlichkeit, inszeniert wie in barocken Wunderbühnen Sein und Vergehen. Dabei legt der Franzose seine Kunst wie einen Garten an, beobachtet, was in den Beeten passiert. Ausstellen bedeutet dann: Sich-Aussetzen, Hervortreten, kurz: Existenz.


Pierre Huyghe - Begegnung, Spektakel und Entgegnung


von: J. Emil Sennewald

  
links: This is not a Time for Dreaming, 2004, Puppenspiel und 16-mm-Film, übertragen auf Béta Digital, 24', Farbe, Ton, Ed. 6 + 2 AP, Filmstill. Alle Aufnahmen: ©ProLitteris, Courtesy Marian Goodman Gallery, New York/Paris und Esther Schipper, Berlin
rechts: L'Expédition scintillante, Act II (Light Box), 2002, Light box Skulptur, Holz und Stahl, schwarzer Rost, Licht, Rauchanlage, Dimmer, Alcorn McBride plug and play, Musik: ­Gymnopédies 3 et 4 von Erik Satie (1888) dirigiert von Claude Debussy, 200x190x155 cm, Ed. 3+2 AP. ©ProLitteris. Foto: Andrea Rossetti


Pierre Huyghe gestaltet Welten als Bühnen. Unvergessen ist seine Inszenierung der Kurven-Architektur des Musée d'Art moderne de la ville de Paris im Frühjahr 2006. In ‹Celebration Park› zeigte er erstmals das inzwischen vom Kunstmuseum Basel angekaufte Marionetten-Video ‹This Is Not a Time for Dreaming›, in dem er, selbst Marionette, Le Corbusier auftreten lässt. Der Architekt erzählt von seinen Schwierigkeiten, 1963 das Carpenter Center for Visual Arts der Harvard University zu entwerfen. Parallel berichtet Huyghes Alter Ego von seinen Schwierigkeiten, dem Auftrag einer Intervention zum Jubiläum vierzig Jahre später nachzukommen. Die Verdoppelung im Puppenspiel sollte die Last der Moderne auf Distanz bringen. Mit ‹Disclaimern› in Neonbuchstaben an den Museumswänden verkündete der Künstler «I do not own modern times». Ernüchterung war zu spüren, der Weg zurück zum unschuldigen Genuss der Avantgarden ist versperrt. Auch für den Künstler, der sich ihrer Ästhetik bediente. Wie seine Puppe lenkte Huyghe auch das Publikum. Ständig hatte man das Gefühl, an Fäden gehalten zu werden, vom Puppetmaster «relationaler Ästhetik».

Der Gartenarchitekt
Der war er, seit Nicolas Bourriaud 1998 anhand der Werke von Huyge, Tiravanija und anderen beschrieb, wie ein Gewebe von Bezügen das Publikum zum Kumpel der Künstler macht, wie der Museumsraum zur Kneipentheke wird, von der aus man die Welt in sozialen Banden als besseren Ort erträumte. Zufällige Assoziationen gibt es kaum noch - nur Absichten. Mittendrin zog Huyghe die Strippen, wie ein barocker Theatermechaniker, ein Deus ex machina, der im Ausstellungsraum richten will, was moderner Fortschritt von ästhetischer Erfahrung als Scherbenhaufen zurücklässt.
Das hat sich geändert. Spätestens seit dem Hund ‹Human› mit dem rosa Bein, dem Komposthaufen, dem Bienenschwarm. Spätestens in ‹Untilled› im einst landgräflich barocken Karlsaue-Park auf der documenta 13, 2012, wurde der von Huyge inszenierte ‹Celebration Park› abgelöst. Ein Schritt zurück in der Geschichte. Fast wirkte es, als suche er den Rückweg durch den Garten der Erkenntnis. Den muss, wie Heinrich von Kleist 1810 in ‹Über das Marionettentheater› erkannte, durchlaufen haben, wer bewusst absichtslos Schönes erfahren will. Im Auepark symbolisierte das eine nackte Frauenskulptur, deren Kopf ein Bienenstock bedeckte. Eine «nympha moderna», von domestizierter Natur maskiert, gar geblendet - Aby Warburgs Nachleben der Bilder als Skulptur. Die konzeptuellen Bezüge machten das Kasseler Kunsterlebnis nicht aus, vielmehr das Gefühl, dass es hier einer ernst meint, nach Antworten sucht, wie es weitergehen soll mit dem grossen bunten Spektakel zeitgenössischer Kunst. Nun zieht sich Huyghe mehr und mehr auf die Schaffung von Rahmenbedingungen zurück.
An die Stelle der mechanischen Bühne tritt der Garten. Huyghe will einst einen grossen Park bauen, der Lebewesen, Pflanzen und Mineralien zum Gesamtkunstwerk verbindet. Das klingt nach Goethe. Eine Utopie? «Ein Ort, den es geben wird. Punkt.» Der letzte französische Künstler, der sein Lebenswerk als kosmische Frage in den Garten übertrug, führte die Kunst in neue Räume: Claude Monet. Huyghe bescheidet sich darauf «Situationen zu schaffen, zu intensivieren, was da ist». Aber die Hand des Gärtners bleibt sichtbar, wie es Edgar Allan Poe - einer der Fetisch-Autoren des Künstlers - im ‹Park von Arnheim› darstellte, in dem der paradiesische Naturraum seine Künstlichkeit nicht abschütteln kann. Gerade dies erzeugt das Begehren, das den Kunst-Garten zum Ort spürbarer Existenz macht. Das überträgt Huyghe in den Museumsraum. Und verschiebt dessen Grenzen.
‹The Host and the Cloud› hat 2010 alles ausgelöst. Ein Jahr lang bevölkerte ­Huyghe das geschlossene - modernistische - Musée des Arts et Traditions Populaires am Rande des Bois de Boulogne mit 15 Personen, darunter Schauspieler/innen. Einige agierten, andere waren als Zeugen dabei, er filmte, wenn sich diese Gruppe zu Halloween, am Valentinstag und am 1. Mai durch die Räume des Museums bewegte. Unter Hypnose, Alkohol oder Drogen kam es zu Spiel und Spass, Wut und Sex. Ein Laborversuch wie in den Sechzigern. Unter Zeugen. Für Huyghe ein Schlüsselerlebnis: «Ich wollte jetzt Bedingungen produzieren und nicht mehr Beziehungen. Es gab da unkontrollierbare Parameter», erklärte er letztes Jahr im Interview und fuhr in Bezug auf die documenta-Arbeit fort: «Das ist etwas, das unabhängig vom Besucher wächst. Das ist es, was mich interessiert, genau diese Sache selbst, die wächst, egal ob sie ins Licht gestellt wird oder nicht.» Die Sache selbst, die hervortritt - der Künstler wird vom Dekorateur zum Existenz-Forscher. Philosophischer und strenger als die Wissenschaft, näher am Wesen der Sache selbst sei die Kunst, sagte Heidegger 1964 in einer Vernissagen-Rede zu Kunst, Skulptur, Raum.
Vielleicht wurde deshalb die Retrospektive im Pariser Centre Pompidou so gefeiert, weil sie die Nähe zum Wesen der Sache aufscheinen liess. Der Künstler will sie nicht als Retrospektive sehen. Tatsächlich zeigt sie nur Werke ab 1990, nicht den Huyghe davor, der mit der Künstlergruppe frères Ripoulin umherzog. «Das ist eher ein bilanzierender Zwischenschritt in einem Prozess, in dem er Fragen immer wieder aufnimmt, die ihn seit zwanzig Jahren beschäftigen», sagt Katia Baudin, kommissarische Direktorin des Museum Ludwig. Für die zweite Station der Wanderausstellung «sind wir viel Risiko eingegangen und haben viel gelernt», erklärt sie. Das fing bei der Klimaanlage an, die nicht für einzelne Säle abgeschaltet werden kann, es aber muss, um Huyghes Schnee-Regen-Nebel-Maschine installieren zu können. Für eine neue ortsbezogene Arbeit riss er den seit 1986 abgelaufenen Teppichboden aus dem Verwaltungstrakt und verlegte ihn im Eingangsbereich. «Er hat den Rundgang wie einen Waldspaziergang konzipiert, bei dem man auf Wege aber auch auf Trampelpfade treffen kann», so Baudin.

Vom Zuschauer zum Zeugen
Huyghes Traum von Kunst als Garten, die Einrichtung von «Biotopen», in denen sich die Werke - echte Ameisen, Spinnen, ein Einsiedlerkrebs - ohne sein Zutun relativ unkontrolliert weiterentwickeln, begeistert. Im vereinenden Effekt des ausgestellt Organischen kommt Huyghe den Environments von Steiner und Lenzlinger nahe. Doch wo die beiden mit Kristallen und pflanzlichen Formen Wissen ins Staunen zurückführen und abgründig moderne Mythen durchlebbar machen, führt Huyghe geschlossene Ökosysteme vor, in die man nicht mehr eingreifen kann. «Ich mache keine Spektakel, ich brauche keine Zuschauer», sagte der Künstler im Oktober vergangenen Jahres dem Fernsehsender France 2.
Im Umkrempeln des Ausstellungsraums ist Huyghe Thomas Hirschhorn ähnlich. Doch während der auf Mitmachen und Aktion aus ist, will Huyghe Zeugen. Wo Zeugen sind, ist auch ein Tatort. Und dieser ist unwiederholbar, singulär. Huyghes Wanderausstellung verändert sich mit jeder Station. Für Köln hat er den Grundriss von Paris genommen, auseinander geschnitten und auf den Grundriss des Museum Ludwig collagiert. Die Un-Retrospektive wird wiederholt, wie ein Musical, aber nicht reproduziert. Sie passt sich an die Gegebenheiten an wie im Centre Pompidou, wo er die Wände von Mike Kelly übernahm. Er legte sie archäologisch frei, schmirgelte die Farbe hervor - Wiederholung der Arbeit ‹Timekeeper› von 1999.
Man mag Huyghe, wie es Tristan Trémeau und Nicolas Fourgeaud in einer langen Kritik in Artpress taten, Naivität hinsichtlich der Spektakel-Effekte seiner Ausstellung bescheinigen, mag auch die Wiederholung des eigentlich kritisierten Schau-effekts als Problem empfinden. Jedoch scheint heute, da Ausstellungshäuser zu Unterhaltungs- und Wertsteigerungs-Anlagen werden, kein Weg am Spektakel vorbeizuführen. Huyghe legt die Funktionsweisen des Dispositivs «Ausstellung» offen, ordnet sie in einer Art «Über-Identifizierung» neu an. Der unübersehbare Bezug zur Selbstreferenzialität der Romantik lädt ein, mit Novalis und Schlegel in der Hand, über Auswege, über Holz- und Nebenwege zu einer neuen Medien- und Ausstellungskritik nachzudenken. Der Künstler ist noch nicht zu einer Lösung gelangt, aber er hat Pfade gelegt, mit Kunst von der Begegnung zur Entgegnung zu gelangen.
J. Emil Sennewald, Kritiker und Journalist, lebt in Paris. emil@weiswald.com


Bis: 08.03.2015


Pierre Huyghe (*1962 in Paris) lebt in Paris und New York
1982-1985 Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, Paris

Einzelausstellungen
2014 The Artist's Institute, New York; ‹The Host and The Cloud›, Museu d'Art Contemporani, Barcelona
2013 Centre Georges Pompidou, Paris
2011 ‹Pierre Huyghe, Works from the Collection›, Kunstmuseum Basel
2007-2008 Landesmuseum Joaneum, Graz
2006 ‹Je donne une règle de jeu›, Musée d'art moderne, Paris; ‹Celebration Park›, Tate Modern, London
2004 Museo d'arte contemporanea, Rivoli
2003 The Hugo Boss Prize 2002 exhibition, Solomon R. Guggenheim, New York
2001 ‹Le Château de Turing›, Französischer Pavillon, Venedig Biennale



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Pierre Huyghe [23.11.14-22.02.15]
Ausstellungen Pierre Huyghe [11.04.14-13.07.14]
Ausstellungen The Human Factor [10.06.14-31.08.14]
Institutionen LACMA/County Museum of Art [Los Angeles/USA]
Institutionen Museum Ludwig Köln [Köln/Deutschland]
Institutionen Hayward Gallery [London/Grossbritannien]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Pierre Huyghe
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