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Fokus
5.2014


 Shimabuku erzeugt seit 1990 poetische Begegnungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, Meer, Erde und Fels. Obwohl er seit 2004 in Berlin lebt, ist er im deutschen Sprachraum bisher kaum bekannt. Fabrice Stroun sorgt nun jedoch in der Kunsthalle Bern für Abhilfe mit einer Einzelausstellung, die mittels spielerischer Streifzüge durch sämtliche Schaffensjahre sowie mit einer kulinarischen Eigenkreation des japanischen Künstlers in dessen weitgespanntes Werk einführt.


Shimabuku - Japanische Lyrik als Ereignis


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: When I went to the Monkey Mountain in Kyoto, I learned that sometimes, one of the monkeys picks up pieces of broken glass and stare at them. I decided to hold an exhibition for the monkeys. Kyoto, 1992Gift: Exhibition for the Monkeys, 1992, Cibachrome auf Aluminium, gerahmt, 70x70 cm, und Text, gerahmt, 32,9x26x3 cm, Courtesy Air de Paris, Paris
rechts: Kaki and Tomato, 2008, C-Druck auf Aluminium, 18,8x28,4 cm, gerahmt, Courtesy Air de Paris, Paris


Fabrice Stroun hat zusammen mit Shimabuku für die beiden Etagen der Kunsthalle Bern einen einnehmenden Parcours mit zentralen Arbeiten des Künstlers entworfen. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Aktionen ausserhalb definierter Kunsträume. Anhand visueller und schriftlicher Dokumente können wir im Erdgeschoss der Person des Künstlers und im Untergeschoss der Figur der Krake folgen. Oben taucht der Künstler beispielsweise auf einer Fotografie von 1992 als Kurator einer Ausstellung für Affen auf und wir erfahren dazu: «When I went to the Monkey Mountain in Kyoto, I learned that sometimes, one of the monkeys picks up pieces of broken glass and ­stare at them. I decided to hold an exhibition for the monkeys.» Unten besingen in einem Video von 2010 zwei Sänger in den Strassen von São Paulo Shimabukus mehrjährige Abenteuer mit Kraken, und in einem nebenstehenden Text lesen wir: «... One day I thought maybe I could show them my work... With hardly any practice or conversations about it, they begun singing. I secretly hoped that... they would misconstrue it in a funny and beautiful way. In their song, I was a strange fisherman...».
Das Scharnier zwischen den Etagen bildet eine Reihe von klassischeren, autonomen Arbeiten. Dazu gehören etwa die kleine Fotografie ‹Kaki and Tomato›, 2008, welche je ein Exemplar dieser Gewächse, annähernd lebensgross, auf hell gemasertem Resopal zeigt, oder die Installation ‹Something that Floats/Something that Sinks›, 2011, in der in Wasserbecken das rätselhafte Phänomen thematisiert wird, dass Früchte und Gemüse der gleichen Sorte teils schwimmen und teils sinken. Und als besondere Herausforderung bietet die Gelateria di Berna während der ganzen Schau ‹Ice Cream with Salt› nach einem Originalrezept des Künstlers aus dem Jahr 2010 feil.

Ein Fall von Pseudomorphose
Stroun schwärmt beim Ausstellungsrundgang immer wieder, dass Shimabuku der einzige Künstler sei, auf den er nicht als Kritiker und Kurator gestossen sei, sondern sozusagen als Sammler. Beglückt von dem, was er vor sich sah, erwarb er 1998 spontan eine kleine Arbeit des ihm damals noch Unbekannten. Von einem analytischen Standpunkt aus, so schwenkt er dann in Gravitätischeres ein, fasziniere ihn Shimabuku seither, da er gewisse Ähnlichkeiten mit den etwa gleichaltrigen Künstlern aufweise, die von Nicolas Bourriaud unter dem Begriff der «relationalen Ästhetik» erfasst worden sind wie Höller und Parreno. Doch obwohl Shimabuku heute mit diesen okzidentalen Kollegen Galerieverbindungen und Gruppenausstellungen teilt, lasse er sich nicht wirklich in ein verwandtes Koordinatennetz einschreiben.
Handelt es sich hier also um einen Fall von «Pseudomorphose», ähnlich wie diejenigen Beispiele, die bereits dem Kunsthistoriker Erwin Panofsky keine Ruhe lies-sen, der den mineralogischen Begriff in die Kulturgeschichte übertragen hat? Das Phänomen, dass Natur und Kultur in zeitlich oder räumlich entfernten Momenten manchmal (fast) Identisches generieren, hätte indes kaum berückender in eine sinnliche Denkfigur umgesetzt werden können, als dies Shimabuku selbst in der bereits erwähnten Fotografie ‹Kaki and Tomato›, 2008, gelungen ist. Spontan sehen wir Gleiches, ehe es uns wie Schuppen von den Augen fällt: Aus botanischer Sicht handelt es sich bei beiden Gewächsen um Blüten im Stadium der Samenreife, gleichwohl sind sie Resultate grundverschiedener Evolutionen auf weit auseinanderliegenden Kontinenten, wobei wir die asiatischen ‹Götterspeisen› als Früchte und die amerikanischen ‹Paradieseier› als Gemüse verzehren.
Bei der Frage, weshalb er die Galerie und das Museum denn überhaupt noch brauche, wenn er doch, wie es aus vielen Dokumenten seiner Aktionen hervorgeht, von zufälligen Passanten als Künstler erkannt, verköstigt und logiert worden ist, winkt Shimabuku sofort ab: «Ich habe nichts gegen die Institutionen. In Japan gab es vor zwanzig Jahren ganz einfach noch kaum solche Plattformen für junge Künstler/innen. Für mich bedeutet es Freiheit, meine Kunst überall hin zu tragen.»

Wie der Bärengraben
Wenn nun aber seine Praxis, der Kunst im Alltag oder dem Alltag in der Kunst die Türe aufzustossen und so immer wieder neue Beziehungen zu erproben, nichts mit institutionssprengender «relationaler Ästhetik» bzw. poststrukturalistischen Ideen zu tun hat, womit dann? Shimabuku beginnt zu erzählen, dass er ursprünglich Dichter werden wollte, doch in ihm irgendwann der Wunsch wach wurde, Poesie nicht nur auf dem Papier zu realisieren: «Ich wollte nicht mehr nur schreiben: ‹Ich werfe Blüten auf das Wasser›. Ich wollte, dies im richtigen Leben tun, damit sich die Lyrik direkter in das Gedächtnis der Leute einbrennt - als konkretes Ereignis.»
Das stete Verküpfen von einander mitunter sehr fremden Dingen, Zeiten, Räumen, Energien und nicht zuletzt Kunst und Alltag erklärt er dann auf entwaffnende Weise zur poetischen Strategie. Mit etwas Lokalkolorit bringt er es auf den Punkt, als er zu einem geplanten Ausflug mit seiner Tochter abschweift: «Der Bärengraben hier in Bern kommt dem, was ich mache, eigentlich sehr nah. Ich bringe unerwartete Begegnungen hervor wie diejenige mit einem Bären mitten in der Stadt. Solche Gegenüberstellungen zwischen etwas, das hier existiert, und etwas, das aus der Ferne stammt, haben eine primitive Seite, aber sie sind immer wieder sehr ungewöhnlich und effizient, wie wenn man Feuer entfacht.»
Wie findet Shimabuku immer wieder so kuriose und subtile Inkongruenzen, die etwas weh tun und gleichzeitig auch wunderbar erheitern und besänftigen - und die in Richtung einer mystischen Erfahrung führen, bei der sich die Welt plötzlich in einem neuen, bisher unfassbaren Zusammenhang zeigt? «Ich versuche natürlich zu bleiben. Das meiste springt mich unvermittelt an. Ich halte eine Kaki und eine Tomate in der Hand und sage mir: ‹Das ist wunderschön›. Sagen wir, auf den Markt gehen und kochen ist für mich wie zeichnen für einen Maler.»
Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, lebt mit ihrer Familie in Gland. kholderegger@hotmail.com
Die Zitate Shimabukus und Fabrice Strouns entstammen Gesprächen in der Kunsthalle Bern am 28.3.



Bis: 25.05.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Shimabuku [04.04.14-25.05.14]
Ausstellungen Monica Majoli, Shimabuku [21.03.14-10.05.14]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Institutionen Air de Paris [Paris/Frankreich]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Shimabuku
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