Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
5.2014


 ‹Das Kapital Raum 1970 bis 1977› ist ein spätes Hauptwerk von Joseph Beuys. Urs Raussmüller hatte es mit dem Künstler 1984 in den Hallen für Neue Kunst Schaffhausen installiert. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit meldet die Stiftung nun Konkurs an, nachdem ihr das Eigentum aberkannt und die Prozesskosten von fast CHF 400'000 aufgebürdet wurden.


Joseph Beuys - Kapitaler Streit


von: Peter Studer

  
Joseph Beuys · Das Kapital Raum 1970-1977, Installation 1984, Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen. Aufnahme aus dem Jahre 2009 ©ProLitteris. Foto: Raussmüller Collection/Fabio Fabbrini


Urs Raussmüller, erst Künstler und später Kunstinszenator, kommt das Hauptverdienst an der Gründung dieses europaweit einzigartigen Museums am Rheinufer zu. Begeisterter Verfechter von Arte Povera und Minimal Art ab 1965 fahndete er für einige Sammler, die sich unter dem Namen Crex zusammengeschlossen hatten, auf Expeditionen in den USA und Europa sehr früh nach Werken von zwölf Künstlern – darunter Joseph Beuys, Carl Andre, Dan Flavin, Jannis Kounellis, Sol Lewitt, Richard Long, Robert Mangold, Mario Merz, Robert Ryman. Die Künstler – mittlerweile alle von Weltrang – sind mit Hauptwerken vertreten. Als der erste Ausstellungsort in Zürich West einem Schulbau weichen musste, sicherte sich Raussmüller zusammen mit dem Stadtpräsidenten von Schaffhausen die alte Textilfabrik Schöller, eine der ersten Eisenbetonanlagen der Schweiz (Baujahr 1912/13). Raussmüller vereinte die Inhalte neuester Kunst mit der richtigen musealen Form: grosse, über vier Meter hohe Räume mit Fensterfronten, durchgehende Geschossflächen. In die raue Fabrikatmosphäre passte die grosszügig platzierte Arte Povera mit ihren Alltagsmaterialien. Keine Sockel, kaum Rahmen – Kunst «Auge in Auge» mit dem Publikum. Das «Fabrikmodell» fand später inspirierte Abwandlungen – die Tate Modern in London, die Dia Art Foundation bei New York.
Für ‹Das Kapital› von Beuys – gemeint ist Ideenkapital – fiel Raussmüller Besonderes ein: Er riss eine Bodenplatte heraus, schuf so eine Raumhöhe von acht Metern, fügte eine Empore hinzu. Zusammen mit Beuys platzierte er 50 Tafeln und 31 Gegenstände aus früheren Installationen und Inszenierungen. 1984 öffneten die Hallen, 1986 starb Beuys – und zunehmend lebten sich der eigenwillige Raussmüller und die Crex-Sammler auseinander. Die Sammler verlangten endlich einen Leihvertrag für «ihr Kapital». Die Stiftung für neue Kunst widersetzte sich und verwies auf Mitberechtigte, nämlich die Stadt als Bodeneigentümerin, zudem machte Raussmüller «eigene Eigentums- und Urheberrechte» an ‹Das Kapital› geltend. 2004 klagten die Sammler auf «Herausgabe» des Werks, 2006 unterbreitete der Kantonsgerichtspräsident einen Vergleichsvorschlag, wonach «den Sammlern je zu einem Drittel Miteigentum am ‹Kapital› zustehe», das Werk aber aufgrund eines präzisen Leihvertrags am Ort bleibe. Die Sammler stimmten grundsätzlich zu, die Stiftung lehnte leider ab.
So zog sich der Prozess jahrelang hin, bis das Obergericht, als zweite Instanz jetzt, das erste Urteil bestätigte, wonach das Eigentum den drei Sammlern, Hans B. Wyss, Robert Strebel und Michael Liebelt, zustehe. Inhaltlich war es ein filmreifer Indizienprozess. Zwar fehlte erstaunlicherweise ein Kaufvertrag über das Werk mit einem heutigen Versicherungswert von CHF 4,5 Millionen. Spätestens 1983 sei das 1980 an der Biennale von Venedig in ähnlicher Form erstmals ausgestellte Werk aber in das Eigentum der Crex übergegangen, was Raussmüller – als einstiger Vermittler – in Memoranden und Verzeichnissen anerkannt habe. Crex-Verwaltungsrat Hans B. Wyss, Wirtschaftsanwalt in Zürich, könne hohe Zahlungen an den Beuys-Galeristen Konrad Fischer in Düsseldorf belegen. Und jetzt? Das Obergericht liess offen, ob 1. denkmalsschützerische oder 2. urheberrechtliche Argumente der Herausgabe von ‹Kapital› doch noch entgegenstehen könnten. Zum Punkt 1 stellen Kanton und Stadt Schaffhausen Überlegungen an; in Frage käme eine kantonal- oder bundesrechtliche Unterschutzstellung der Hallen samt ‹Kapital›, wobei auch Verhältnismässigkeit und Enteignungskosten zu prüfen wären. Zu Punkt 2 liessen sich Raussmüller und Witwe Beuys mit widersprüchlichen Aussagen vernehmen. Die Schaffhauser Behörden, die weitere Zahlungen vorerst ausgesetzt haben, stehen «mit allen Seiten» im Gespräch und wollen sich als «Vermittler» einbringen. Aber die Wolken sind dunkel.
Peter Studer, Jurist, Kunstpublizist, ehem. Präsident Schweizer Presserat und SKV. studer.pe@bluewin.ch



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 5  2014
Autor/in Peter Studer
Künstler/in Joseph Beuys
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1404241138346S3-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.