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Besprechung
5.2014


Grit Weber :  Für die grosse Überblicksausstellung, die erste in seiner Wahlheimat Frankfurt, nimmt sich Tobias Rehberger die Konventionen des Ausstellens vor. Die Schau ist tatsächlich etwas anderes geworden, als eine blosse Retrospektive, wenngleich doch Werke aus den vergangenen zwanzig Jahren gezeigt werden.


Frankfurt/M : Tobias Rehberger - Home and Away and Outside


  
Tobias Rehberger · Home and Away and Outside, 2014, Ausstellungsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz


Der erste Raum ist nach allen Seiten mit verwirrend geometrischen Elementen überzogen. Vor dem Hintergrund dieser Dazzle-Muster - einer Tarntechnik aus dem Ersten Weltkrieg - platziert Tobias Rehberger (*1966, Esslingen) eine ganze Reihe von Skulpturen, die aus diversen Kontexten stammen. Die raum- und körperverzerrenden Muster bewirken, dass manche Skulptur im Umraum verschwindet. Spiegelnde Rauten und Dreiecke zerschnipseln ihre Umgebung in unzählige Fragmente. Die Trennung von Körper und Raum wird auf diese Weise optisch aufgehoben. Nicht die Aura des Objekts, sondern die Entgrenzung von Objekt und Hintergrund, von Kunst und Sockel, von Werk und Dekor stehen hier im Mittelpunkt. Dabei wird deutlich, dass Rehbergers beste Werke den Entstehungsgedanken weit weg ziehen vom realisierten Kunstobjekt. In die entstandene Lücke zwischen Imagination und materieller Ausführung kann sich dann unsere Betrachtung geistreich einschalten.
Und bei aller Ironie der Sache, die Werke haben auch ihre je eigene Herkunft: Ein Teil der Spiegel, mal mit Streifen beklebt, mal mit Farbe besprüht und zerbrochen, waren ursprünglich die Requisiten des 2011 beendeten Filmprojektes ‹On Otto›. Andere Arbeiten, bisweilen rauchende, zerbeulte oder leckende Stücke, stammen aus der Reihe der ‹handi-capped sculptures›. Ihre Konstruktionsfehler machen sie zu Individuen, wenngleich ihr Handicap doch recht gewollt wirkt.
Im nächsten Raum gibt es immer wieder diese Art stotternder Kunst. Prothesen, die nicht das Verlorene ersetzen, sondern fragwürdige Funktionskorrekturen anbieten. Die Blumenvasenporträts: Für sie bat der Künstler seine Freunde, ihre Lieblingsblüten zu nennen, und entwarf anhand dieser Sträusse Vasen, welche die Gestecke mal zu wohlfeilen, mal zu verrenkten Arrangements ergänzen. Oder die frühe Möbelserie: Aus dem Gedächtnis zeichnete der Künstler die Designklassiker von Breuer, Aalto oder Riedfeld und liess sie in Kamerun nachbauen. Das Ergebnis adelt eine misslungene Kopie zu einem rührenden Objekt - ihre Art der Zuwendung, ein Liebesbemühen - macht sie zu Kunst.
Für 2015 arbeitet Rehberger gemeinsam mit seinem Bruder an einem Wanderweg, der das Vitra Design Museum in Weil am Rhein mit der Fondation Beyeler in Riehen verbinden soll. Wäre er nicht am konsequentesten, wenn sich der Wanderer verlaufen und erst über einen irren Umweg wiederfinden würde?

Bis: 11.05.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Tobias Rehberger [21.02.14-11.05.14]
Institutionen Schirn Kunsthalle [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Tobias Rehberger
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