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Besprechung
5.2014


J. Emil Sennewald :  Marseille ist bekannt für neue Museen, luftige Lebensart, Armut und Schusswechsel auf offener Strasse. Zwischen Anspruch und Unvermögen steht seit März 2013 ein 20-Millionen-€-Gebäude, bezahlt von der Region. Der Kunstfonds FRAC ist nur Mieter. Ideale Bühne für ein Schelmenstück.


Marseille : Eric Hattan - Habiter l'inhabituel


  
Eric Hattan · Habiter l'inhabituel, 2014, Ausstellungsansicht, FRAC Provence-Alpes-Côte d'Azur, Marseille


Eric Hattan (*1955, Wettingen) analysiert Orte, übersetzt historische oder politische Vektoren mit einfachen Gesten in Kunsträume, macht aus vorgefundenem Zeug Dinge, Objekte mit Bedeutung. Zum Beispiel hat er in Beirut Stühle zusammengesucht. Die stehen dort überall in der Strasse herum. Alte, wertlose Stühle, geflickt, schief und krumm. Drauf sitzt, wer grade wartet: Taxichauffeure, Wachleute, Busfahrer. Hattan kaufte oder tauschte sie ihren Besitzern ab. Im Beirut Art Center stellte er jeweils ein Bein in gefundene Schachteln, Becher oder Dosen, goss sie mit Beton aus. Diese ‹Beyroots› holen den Stadt- in den Kunstraum. Skulptural fixiert, künstlerisch ent- und verwendet werden sie Zeugen eines Habitus. Haltungen und Praktiken einer Gesellschaft spiegeln sich im Ding. Darin ist Hattans Praxis dem Schelmenroman ähnlich. Im 16. Jahrhundert wanderte der Held dieser Pikaro-Literatur bauernschlau durch alle Schichten der Gesellschaft, bestand Abenteuer und spiegelte mit viel Witz deren Macht- und Ohnmachtsstrukturen.
Auch in Marseille geht es um Spiegelungen. Die drei Ausstellungsetagen im Neubau des japanischen Architekten Kengo Kumas nutzt der Aargauer als Bühne, versammelt neue Produktionen oder entwickelt ältere Arbeiten weiter. Entstanden ist ein Schelmenstück, das Stadt und Kunstinstitution mit subtilem Humor ineinander verschlingt. Die ‹Beyroots›, für die Sammlung des FRAC angekauft, kamen per Schiff quer über das Mittelmeer. Im Obergeschoss stehen sie wie versehrte Helden nach langer Fahrt, erzählen unaufdringlich von abwesenden Besitzern, Machtzonen, Einflussbereichen. Das können sie, weil Hattan ihnen eine präzise Bühne errichtet hat. Mit Duschvorhängen, die den Ausstellungsraum unterteilen. Und einer Wellblechhütte ‹Garage›, 2013, die an die griechische «skéna» erinnert, in der sich gewöhnliche Bürger zum Chor formierten, der Schicksal sprach, ebenfalls dem Volk den Spiegel vorhielt. Am Eingang kann der Besucher seine Jacke in eine improvisierte Garderobe hängen, ein gebasteltes Regal, in dem auf zehn Monitoren das ‹Corner Video› von 1998 läuft. «Damals filmte ich eine Strassenecke vor meinem Pariser Atelier», erklärt Hattan, «wie dort Dinge abgeladen werden und wieder verschwinden.» Das Leben der Dinge ist sein Gegenstand. Sie zu bergen, zu inszenieren und zu kommentieren seine Methode: hier die sonst fehlende Garderobe. Auf diese Weise erreicht Hattan, was jede gute Ausstellung leisten sollte: Er verändert den Blick auf die Realität. Plötzlich wird der Wäscheständer, der durch das Fenster auf einem Balkon im Hinterhof zu sehen ist, bedeutungsvoll; fallen Zettel ins Auge, auf denen sich die Direktion für verschmutzte Klowände aus Edelstahl oder ungepflegte Terrassenpflanzen entschuldigt - «Die waren schon da, ich habe sie einfach nicht entfernen lassen», so Hattan. Nach und nach zerlegt er die Institution in ihre funktionalen Details, inszeniert mit feiner Ironie sein Schelmenstück, in dem auch das Publikum seine Rolle hat. Am Rand der breiten Treppe ins Untergeschoss, vor der ein Vorhang aus alten Fahrradschläuchen hängt, blendet eine Strassenlaterne, aufgehängt als übergrosser Handlauf. 2010 hatte er eine solche auf dem Basler Messeplatz aufgestellt, als Resonanz zu einer André-Cadere-Ausstellung. Auf die farbig gestreiften Stäbe des letzteren verweist später ein scheinbar achtlos ins Untergeschoss gestellter Besenstiel.
Durch die ganze Ausstellung hindurch werden die Be- zu Suchenden, sind der Kunst auf der Fährte. Ein Fahrradschlauch hängt quer durch den ganzen Saal. Wie eine Nabelschnur. Am Ende, von der Decke herab, stöhnt, singt, jodelt es manchmal aus zwei Lautsprechern. Das lockt. Auf dem Weg übersehen wir vieles. Erst Titellisten, an zwei Stellen im Raum auf Bretter geklebt, identifizieren, was Kunst ist - auch das ist als Kommentar zu Werk-Beschriftungen und deren Autorität verstehbar. Jetzt erkennt man die Verschiebungen und Verdoppelungen, sieht duplizierte Lüftungsklappen unter der Decke, gefakte Service-Türen oder vier sechs Meter hohe «Skulpturen», Kopien der Betonsäulen, die den grossen Raum strukturieren. «Das war schwierig umzusetzen», erläutert Hattan, «nicht aus konstruktiven, sondern aus Gründen der Sicherheit.» Die sind weniger streng, wenn die Säulen Kunst sind. Also heissen sie jetzt Skulpturen.
Doch ‹Habiter l'inhabituel› zeigt mehr als neckische Scherze mit der Verwaltung. In einem Gewebe aus kunsthistorischen Bezügen - der Blick durch den Türspion auf das scheinbar zerbrochene «Atelier d'artiste» erinnert an Duchamps Spiel mit der Sehbegierde in ‹Étant donné› - wird ganz allgemein thematisch, was Kunst ausmacht, wie sie definiert, umbaut, eingesetzt wird. Manchmal ganz zufällig: In eine Reihe bunter Eimer tropft es von Duschvorhängen, die hoch oben auf einem Kabel hängen, das als Leitfaden den Ausstellungssaal im Obergeschoss durchläuft. Als sei das Dach undicht - «erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass es wirklich hereinregnet», sagt Hattan, dessen Beschäftigung mit dem FRAC noch vor dessen Umzug 2006 begann. Darum geht es dem Künstler: der Realität die Stirn zu bieten, ohne sich an ihr den Kopf zu zerstossen, ihre Dinge als Mittel zu nehmen, die aus all ihren Hindernissen, Begrenzungen, Einflussnahmen herausführen zu einem luftigen Ort, an dem sie aushaltbar wird. Hier wird der Schelm zum Philosophen. Von einem Videoschirm im Obergeschoss schaut eine Eule auf die Besucher/innen hinab - Emblem der Minerva, die als römische Göttin über die taktische Kriegsführung und die Kunst wachte - und über die Weisheit. Die Welt erscheint durch ihre Orte. Und Eric Hattan schärft den Blick für ihre Erscheinung.

Bis: 04.05.2014


mit kleiner kostenloser Publikation (frz.)



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Eric Hattan [01.02.14-04.05.14]
Institutionen FRAC PACA [Marseille/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Eric Hattan
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