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Besprechung
5.2014


Eva Dietrich :  Vor hundertundeinem Jahr fand die skandalumrankte Uraufführung des Balletts ‹Le sacre du printemps› in Paris statt. In der Ausstellung ‹Sacré 101› des Migros Museums befragen nun aktuelle Positionen sowie historische Tanzdokumentationen dieses Symbol des Aufbruchs in eine kontroverse Moderne erneut.


Zürich : ‹Sacré 101› - Verfluchte Heiligkeit


  
links: Marc Bauer · Sanatorium Bellevue, Kreuzlingen, 2014. Übungen im Wahnsinn. 8 Digitaldrucke verloren in Zeichnungen und Aquarellen zu den Ballets Russes, 2014. Foto: Lorenzo Pusterla
rechts: Julie Verhoeven · Sweating Greens, 2014, Videostill


Sie schreiten und stampfen in streng rhythmisierten Formationen. Mal zieht sich der Kreis um die Auserwählte enger zusammen, dann entfaltet er sich ein letztes Mal und gibt die Sicht auf das eingekreiste Opfer frei, das sich in den Tod tanzen wird. ‹Le Sacre›, ein Menschenopfer als archaisch inszeniertes Frühlingsritual in Volkstracht, wurde in der Originalfassung mit der Choreografie von Vaslav Nijinsky und dem Bühnen- und Kostümbild von Nicholas Roerich rekonstruiert und 1987 mit dem Joffrey Ballett zur Wiederaufführung gebracht. Das Video, zusammen mit der exzessiv expressiven Musik von Igor Strawinsky, bildet den transgressiven Kern der Ausstellung ‹Sacré 101›. In der Rückschau sieht man blutgetränkte Erde und wünscht sich momentweise den Spitzentanz zurück. ‹Le Sacre› bleibt ein Stein des Anstosses, «sacré» eben, «heilig» und «verflucht».
‹Le Sacre›-Inszenierungen wie diejenige von Mary Wigman (1886-1973) oder von Xavier Le Roy (*1963) belegen die anhaltende Faszination des Stücks. Mehrheitlich für die Ausstellung geschaffene aktuelle Positionen setzen sich abermals mit dem Werk und seinem Kontext auseinander. Analyse und Distanz statt Überwältigung gehören zu den Strategien der Auseinandersetzung. Silke Otto-Knapps (*1970) schemenhafte Frauengestalten auf fast monochromen Bildern etwa beugen sich vornüber oder berühren die Erde beinahe fragend. Ihre Bilder halten charakteristische Gesten aus der Choreografie Nijinskys fest und bieten sie einer ruhigen Betrachtung dar. Für ihre Tanzperformance ‹RoS Indexical›, 2007, erstellte Yvonne Rainer (*1934) einen Index der Gesten Nijinskys, liess sie von vier Performerinnen sportlich durchdeklinieren und durchbrach so den unerbittlichen Ablauf des Rituals. Humorvolle Dekonstruktion zeigt auch Julie Verhoevens (*1969) neue Videoarbeit ‹Sweating Greens›. Darin ergibt sich die Protagonistin, Grimassen schneidend, flott temperierten Umkleideaktionen und widmet sich spriessenden Gemüsen. Marc Baur (*1975) arrangiert Momente aus Nijinskys Leben nach der Uraufführung von ‹Le Sacre› bis zu dessen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Bellevue in Kreuzlingen 1919 und fügt sie zu einer Erzählung über Liebe, Erkrankung und Wahnsinn zusammen. Eine grosse Wandzeichnung zeigt den menschenleeren Salon der Klinik, mit zeichnerischen Brüchen ins Weiss der Wand, stellvertretend für psychische Zusammen- oder Ausbrüche. So wird die Klinik Bellevue zu einem Symbol des Menschseins in der Moderne.

Bis: 11.05.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Sacré 101 (E. Antin, M. Bauer u.a.) [15.02.14-11.05.14]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Eva Dietrich
Künstler/in Xavier Le Roy
Künstler/in Silke Otto-Knapp
Künstler/in Yvonne Rainer
Künstler/in Marc Baur
Künstler/in Mary Wigman
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