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Besprechung
5.2014


Dominique von Burg :  Klaudia Schifferle scheint ihre Motive aus einer nie versiegenden Quelle zu schöpfen. Vieldeutig, facettenreich und immer wieder überraschend, erweisen sie sich als Hort kollidierender existentieller Widersprüche. Davon legen ihre neuesten Werke bei Stephan Witschi beredtes Zeugnis ab.


Zürich : Klaudia Schifferle - Paperdolls and Sculptures


  
Klaudia Schifferle · Mungg, 2013, keramische Giessmasse auf Phosphatebene, Unikatguss, 31x22x20 cm ©ProLitteris


Archaische, mehrköpfige oder vielohrige Zementskulpturen begrüssen das Publikum. Ihre Haut, ein starkes Plastiktuch, ist mal roh belassen, mal mit roter oder schwarzer Autolackfarbe besprayt. Obwohl sie in Zement erstarrt sind, wollen sich ihre Körper niemals auf eine eindeutige Menschen- und/oder Tierform festlegen. Sind die koboldartigen, heftig gemalten, expressiven Figuren aus den Achtzigerjahren nun in dreidimensionaler Form wiederauferstanden, oder wollte die Künstlerin ihren schwebenden Figuren Bodenhaftigkeit verleihen? Wie auch immer, die Skulpturen irritieren, scheinen in einem Prozess der Metamorphose begriffen zu sein, gebannt im Feld des «Noch-nicht» und des «Nicht-mehr», das unbewusste Sphären, Ungewissheiten oder Ahnungen erfasst.
Aufgemuntert werden die erdenschweren Wesen von einer frühlingshaften Brise, welche die bunten, luftigen, bald frivolen, bald sportlichen ‹Paperdolls›, 2012-2013, umflort. Hervorgegangen aus Collagen von verschiedenen weiblichen Figuren wurden sie von der Künstlerin vergrössert und detailgetreu malerisch auf die Leinwand übertragen. Auf formaler Ebene bezeugen sie Schifferles Interesse an Puppen sowie an der Miniaturmalerei. Im Grunde bilden sie einen Gegenpol zu den gnomenhaften Fabel- und Mischwesen, die ihr Frühwerk bevölkerten.
In den neuen Arbeiten hat Schifferle die Dunkelheit von einst weitgehend hinter sich gelassen, sich sozusagen das Lichtvolle erkämpft. Einzig in der in einem enorm leichtflüssigen Duktus auf Polypropylen gemalten Serie ‹Andere Orte›, 2013, scheint in wabernden Tuschewolken Schattenhaftes auf. Man meint Architekturfragmente, wuchernde Gärten, sich öffnende Fenster und Lichtkaskaden zu erkennen, die in ihrer Schwerelosigkeit unwirkliche Substanzen zu bergen scheinen. Eine unbeschreibliche Stille geht von dem vierteiligen, schwarz grundierten Werk, ‹O.T.›, von 2011 aus. Ähnlich einer Freitaucherin lässt sich Schifferle durch das wässerige Medium treiben, sucht in der dimensionslosen Substanz nach erkennbaren Formen, spürt Meerestiere wie Korallen, Muscheln oder Delphine auf. Die vielschichtigen Arbeiten lassen uns in Traumwelten tauchen, zeugen von einer stets wachen Experimentierfreude und verraten ein Hin und Her zwischen Weltflucht und Lebenslust. Das Oeuvre von Schifferle lebt ebenso von der Synthese von Erlebtem, Geträumtem, Erfundenem wie auch auch der Mischung aus existentiellen Widersprüchen.

Bis: 10.05.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Klaudia Schifferle [14.03.14-10.05.14]
Institutionen Stephan Witschi [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Klaudia Schifferle
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