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Besprechung
5.2014


Isabel Friedli :  Architektur bedeutet Baukunst und eine Utopie ist ein Nicht-Ort. Das Bauen aber braucht einen Ort, um sich zu verwirklichen. Die Kunst bietet den nötigen Raum, in dem die «Architectural Utopias» von Andreas Bauer und Nicolas Kerksieck ihre volle Wirkung entfalten können.


Basel : Architectural Utopias


  
Nicolas Kerksieck · Intarsien einer besseren Weltordnung I-IV, 2014 (Stelen); Andreas Bauer · Un Secco Fresco, 2013 (Mural an der Decke)


Bei Entfaltung denkt man an Bewegung, und genau das ist der Impuls, der von den Arbeiten der zwei Künstler ausgeht, die zurzeit in den Räumen von balzer art projects zu sehen sind: Ist es bei Kerksieck (*1977) das Fragment und das Unfertige, das nach Ausbau zum Ganzen verlangt, geht von Bauers (*1980) Fotografien an den Wänden und an der Decke und seinen Reliefs eine Dynamik aus, die taumeln macht. Dabei arbeitete der Künstler mit dem wohl schlichtesten und fast schon altertümlichsten aller Medien: dem Buch. Indem er Seite für Seite allen Umraum um Bilder und Illustrationen herum wegschneidet und die figurativen Elemente freilegt, erlöst er diese aus der Gebundenheit ans Buch, ohne jedoch die Seitenabfolge zu zerstören. So entsteht durch die wirre Schichtung im Übereinander der Seiten eine Tiefenwirkung, die das ehemalige Buch, nun in der Fotografie gebannt, wie eine Pforte in eine andere Raumdimension erscheinen lässt.
Auch die Arbeiten von Kerksieck verneinen die Statik. Es sind schwer identifizierbare Objekte, in denen etwas anklingt, was einem vertraut vorkommt. Kann man architektonische Visionen anstimmen wie den Ton mit einer Stimmgabel? Nur eine Schwingung erzeugen, keine Klangfolge, nur einen Anfang geben, nicht das Ganze: Im Falle von Kerksiecks Architekturmodellen wäre dies allerdings eine verformte Stimmgabel, die keine bekannten Harmonien vorgibt. Seine Modelle lassen nicht erkennen, ob es sich um Möbel oder Miniaturstudien von gigantischen Architekturen handelt. Sie setzen ein mit einer minimalen Vorgabe, dehnen sich dann aber mit kraftvoller Vibration in den Raum aus. Der Künstler scheint auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner verschiedener Faktoren zu sein, die gerade so weit ausgearbeitet sind, dass man dabei an Architektur denkt, und nicht an ein Fundstück oder eine Skulptur, obschon die Erscheinung der Objekte ganz nahe an dieser Einordnung vorbeischrammt. Es knirscht und wackelt auch die Ästhetik, zu der sich die Gebilde - die im übrigen auch an Sperrgut erinnern, aber zum Wegwerfen viel zu schön sind - formieren. Rechte Winkel sind schief, Fugen passen nicht. Gerade in dieser Imperfektion und Rohheit eröffnen sie aber Vorstellungsräume, die sich nicht in den vier Wänden eines herkömmlichen Raums einsperren lassen.

Bis: 10.05.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Andreas Bauer, Nicolas Kerksleck [21.03.14-10.05.14]
Institutionen balzer projects [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Andreas Bauer
Künstler/in Nicolas Kerksleck
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