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Besprechung
5.2014


 Der in Lausanne geborene Kurator Simon Njami hat für das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt eine monumentale Ausstellung mit fünfzig beteiligten Künstler/innen ausgerichtet. Thema ist die Verschiebung von Dantes Jenseitsvorstellungen in die Gegenwart, nicht aber in andere Kulturen.


Frankfurt : Die göttliche Komödie - und afrikanische Gegenwartskunst


  
Minette Vári · Rebus, 2008, Courtesy Goodman Gallery South Africa


Der Dichter Dante Alighieri hat in ‹Die göttliche Komödie›, entstanden zwischen 1307 und 1321, seine Vorstellung von Himmel, Hölle und Fegefeuer in der platonisch-theologischen Philosophie seiner Zeit verfasst. Von der Gesellschaft ausgestossen und aus Florenz verbannt, liess er politische, gesellschaftliche und religiöse Fragen einfliessen. Aus diesem Grund gehört das Epos heute zur Weltliteratur. Nun zeigt das MMK eine Ausstellung über drei Etagen, die in die drei Jenseitsbereiche unterteilt sind. Alle Werke stammen von Kunstschaffenden mit afrikanischem Hintergrund - eine spannende Ausgangslage, um über das zeitgenössische Kunstschaffen nachzudenken. Kulturelle Wertvorstellungen kreisen heute um die Welt genauso wie die Waren des Konsums, und Künstler/innen denken und agieren in globalen Perimetern von Grossausstellungen. Diese Tatsache gab der südafrikanischen Künstlerin Candice Breitz vor einigen Jahren Anlass zu einer klugen Bemerkung: Heutzutage sei es nötig, dass Künstler die geografischen Grenzen, die sie von Berufs wegen ja ständig überschritten, in ihren Kunstwerken ästhetisch übersetzten. Nur so könnten sie sich von den Regeln des Kapitalismus abgrenzen. Simon Njami hat an der Pressekonferenz jedoch betont, dass es in diesen Werken nicht um afrikanische Kunst gehe, da niemand wisse, was damit eigentlich gemeint sei. Er hat Recht, wenn er die Unsäglichkeiten einer kulturellen und zugleich ethischen Etikettierung anspricht. Weshalb aber diese Konzentration auf Kunstschaffende des afrikanischen Kontinents, wenn dieser dann so auffällig nichts damit zu tun hat?
Die absichtsvolle Unterlassung gibt Stoff zum Nachdenken. Stimmt es denn, dass alle Künstler gleiche Mittel haben, qualitativ hochstehende Kunst zu produzieren? Einige der ausgestellten Werke erweisen dieser Behauptung einen Bärendienst. Die Ausstellung erzählt grundsätzlich nichts über Differenzen von Ort und Zeit, und verwischt so die Ausgangslage, die sie heraufbeschwört. Nichtsdestotrotz gibt es packende Werke zu sehen. Minnette Vàri aus Pretoria hat eine von Geistern bewohnte Videoinstallation geschaffen, lässt hektische Wolken über Figuren fegen, die an riesenhafte Figuren der Justizia erinnern, während unter ihr zahllose Menschenströme über das Land ziehen. Wunderbar ist auch die Videoinstallation von Nicène Kossentini aus Tunesien, in der sechs Menschen ihre Geschichte erzählen. Die Stimmen der sonst Ungehörten bleiben noch lange angenehm im Ohr haften.

Bis: 27.07.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Die Göttliche Komödie [21.03.14-27.07.14]
Institutionen MMK Museum für Moderne Kunst [Frankfurt/M/Deutschland]
Künstler/in Susann Wintsch
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