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Hinweis
5.2014




Digitales Projekt des Monats/ Curator's Choice - Natalie Bookchin


von: Annette Schindler

  
Natalie Bookchin · Testaments, Laid Off, 2009


Ein Hochpräzisions-Choral von Youtube-Botschaften von Menschen, die ihre Stelle verloren haben. Das Internet als geduldiger Zuhörer von Sorgen, die persönlich und individuell scheinen, aber das gesellschaftliche Kollektiv betreffen.
Sie sitzen vor ihren Bildschirmen, klicken auf den Aufnahme-Knopf und vertrauen sich der Kamera an. Jede und jeder teilt sich einzeln mit, klagt sein Leid, seine ganz persönlichen individuellen Sorgen und Nöte. Sie schildern, wie es dazu gekommen ist, und finden in der kleinen Kamera den geduldigen Zuhörer, bei dem sie ihre Beschwerden über die Ungerechtigkeit der Welt deponieren können.
Sie alle rufen nicht in die Wüste, sondern ins Internet, wo ihre Stimmen durch zahllose Kanäle hallen und eine unbekannte Zahl von Ohren und Augen von Netzusern erreichen, die zufällig darauf stossen oder gezielt danach gesucht haben. Eine Lebensmessage an einen unbekannten Zuhörer, an jeden da draussen, an keine bestimmte Adresse.
Natalie Bookchin findet die Stimmen, sammelt sie und fügt sie in ihren ‹Testimonials› zu einem faszinierenden Konzert zusammen. In ‹Laid Off› erzählen Betroffene von den Kündigungen, die sie erhalten haben. Bookchin verdoppelt und überlagert die Video-Ausschnitte, reiht sie zu einem Erzählstrang auf, und zeigt damit aufs eindrücklichste, wie stereotyp all diese individuell erlebten Schicksaale sind, wie uniform die einzelnen Aussagen aus unterschiedlichsten Kontexten aufeinanderpassen. So sehr wir gerade mit den Möglichkeiten der neuen Medien unsere Individualität feiern, so sehr wird hier die Gleichförmigkeit des Erlebten und dessen Verarbeitung erkennbar. Bookchin führt uns mit ihren ‹Testimonials› eindrücklich die Verschmelzung des Persönlichen und des Gesellschaftlich-Wirtschaftlichen vor Augen.
Die Künstlerin gehört zu den Pionier/innen der Medienkunst. Bereits in den Neunzigerjahren gehörte sie zum RTMark-Kollektiv und machte mit Projekten wie ‹Intruder›, 1999, oder ‹Metapet›, 2003, auf sich aufmerksam. Sie unterrichtet heute im California Institute of the Arts.
Die Testaments von Natalie Bookchin sind konzipiert als installative Arbeiten im Raum, existieren aber auch als lineare Videos online.



Links

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Ausgabe 5  2014
Autor/in Annette Schindler
Künstler/in Natalie Bookchin
Link http://bookchin.net/projects/testament.html
Link http://vimeo.com/19364123
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