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5.2014




Luzern : Dias & Riedweg


von: Niklaus Oberholzer

  
links: Dias & Riedweg · O Espelho e a Tarde (Der Spiegel und der Nachmittag), 2011, Fotografie
rechts: Dias & Riedweg · Corpo Santo (Heiliger Körper), 2012, Videostill


Dias & Riedweg konnten wir zweimal an der documenta begegnen, ebenso an Biennalen in Venedig und anderswo. Nun nutzt das Duo die erste grosse Präsentation seines Videoschaffens in der Schweiz und geht eindringlich an die Ränder menschlichen Daseins.
Mauricio Dias (*1964, Rio) und Walter Riedweg (*1955, Luzern), beide seit Jahren gemeinsam vor allem in Brasilien tätig, wollen nicht im engeren Kreis der Kunstdiskurse bleiben, sondern mit ihren stets von klarem künstlerischem Bewusstsein geprägten und breit gefächerten Videoarbeiten in jene sozialen Wirklichkeiten eingreifen, denen sie auf ihren Streifzügen durch die Welt - vornehmlich Lateinamerika - begegnen. Hier spüren sie das Material zu ihren Geschichten auf. Dabei sind es stets die Ränder menschlicher Existenz, deren Vielschichtigkeit sie fasziniert. Anders als in Sozialreportagen suchen sie dabei nicht die Zuspitzung der Fragestellungen um einer leichteren Verständlichkeit willen. Vielmehr lassen sie die Komplexität der gesellschaftlichen Realität und die Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung - darum der Ausstellungstitel ‹Geschichten von Bescheidenheit und Zweifel› - bewusst stehen als Aufforderung an die Besuchenden, der mitunter verwirrenden Vielfalt des Gezeigten eine eigene Position entgegenzusetzen. Dabei achten sie in ihrer Luzerner Präsentation sorgsam auf eine Dramaturgie in der Abfolge der 14 Videoprojektionen und Installationen. So folgt auf die sich überlagernden quirligen Grossstadt-Eindrücke aus Rio im ersten Saal als extremer Kontrast im nächsten Raum die Schilderung des alltäglichen Lebens zweier Schweizer Paare aus intimer Nähe. Kurz darauf werden wir Zeuge von distanzlos offenen Gesprächen, die Dias und Riedweg mit männlichen Prostituierten in Barcelona führen, oder wir erleben die seltsam armselige und anrührende Geschichte eines Paares auf einer weit abgeschiedenen, verlassenen Bahnstation in Uruguay. In der Arbeit ‹Corpo Santo›, einem Auftrag der Sammlung Prinzhorn, schlagen sie eine Brücke von Heidelberg in eine Psychiatrische Klinik in Rio: Sie liessen Schneider brasilianischer Karnevalskostüme nach Zeichnungen der Prinzhorn-Sammlung Kostüme herstellen und stellten diese den Patienten in Rio zur Verfügung, die sie für spontane Theateraktionen nutzten. Die Videoaufzeichnungen dieser Aktionen fanden wiederum den Weg nach Heidelberg.
All diese Geschichten erfordern hohe Aufmerksamkeit. Dias und Riedweg vertrauen aber darauf, dass ihre Arbeiten auf ganz verschiedenen Ebenen lesbar sind, dass sowohl die Sinne unmittelbar gereizt als auch das Reflexionsvermögen aktiviert werden - und vielleicht auch darauf, dass das Fragmentarische ihrer Wirklichkeitsdarstellung die Besucherinnen und Besucher zu neuem Nachhaken und Nachfragen verleitet. Was denn im besten Fall zu einem Erkenntnisgewinn über die Möglichkeiten der Kunst und auch darüber hinaus führen mag.

Bis: 22.06.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Mauricio Dias, Walter Riedweg [08.03.14-22.06.14]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Walter Riedweg
Künstler/in Mauricio Dias
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