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5.2014




München : Ellen Gallagher


von: Roberta, De Righi

  
links: Ellen Gallagher · Bird in Hand, 2006, Courtesy Tate London
rechts: Ellen Gallagher · Dirty O's, 2006 (detail) ©Ellen Gallagher, Courtesy Hauser & Wirth Collection


Eigenartig im besten Sinne war Ellen Gallaghers Kunst schon zu Beginn, als in ‹Doll's Eyes›, 1992, tausend winzige Augen und Lippen aus dem Nichts der Leinwand auftauchten. Nun zeigt das Haus der Kunst das Werk der afroamerikanischen Künstlerin (*1965) in einer Ausstellung (in Kooperation mit der Tate Modern und dem Sara-Hildén-Museum), die zwanzig Schaffensjahre umfasst.Man kann darin gut beobachten, wie Gallaghers staunenswerte Kunst Gestalt annahm. Aus einer eigenwilligen Minimal-Interpretation (mit Referenzen zu Agnes Martin) wuchs das vielschichtige, tiefgründige Œuvre von betörender Ästhetik und technischer Finesse - das alle Gattungsgrenzen sprengt.
Oft gleichen die mit dem Skalpell ins Papier geschnitzten Bilder Reliefs. Die Inspiration dazu kommt aus Geschichte, Musik, Literatur. Der Zyklus ‹Watery Ecstatic› bezieht sich auf ‹Drexciya›, das schwarze Atlantis, zusammengesponnen vom gleichnamigen Elektro-Musikduo aus Detroit. Es erzählt vom Leid der Sklaven, die auf Schiffen aus Afrika entführt wurden. Schwangere Frauen wurden ins Meer geworfen, ihre Kinder existieren weiter als submarine Mutanten. Gallagher verbildlicht diese monströse SciFi-Fantasy in bizarrer Schönheit, belebt von Quallen, Korallen, Meerjungfrauen mit Krakenköpfen und Algenhaaren. Die Faszination der Wesen aus der Tiefe packte sie, als sie im Studium an einer meeresbiologischen Expedition teilnahm. Damals untersuchte und zeichnete sie winzige Flügelschnecken. Wissenschaftliche Akribie und Respekt vor der Natur sind in ihrem Werk spürbar, das zuweilen auch an Yayoi Kusamas frühe Zeichnungen erinnert.
Der Ausstellungstitel ‹Axme› ist ein vernuscheltes ‹Ask me› und bezieht sich zugleich auf den Cartoon ‹Don't axe me›, in dem das Entchen Daffy Duck vor der Axt seines Besitzers fliehen muss, um nicht im Kochtopf zu landen. Verfolgung, Rassismus und Diskriminierung sind bei Gallagher subkutan stets vorhanden. Etwa in ‹Dirty O's›, da bleiben unter Farbschichten nur E und O sichtbar - die Vokale des Wortes ‹Negro›. Und ‹Moby Dick› hat sie neu interpretiert, Käpt'n Ahab wird auf dem Monumentalgemälde ‹Bird in Hand› doppelbelichtet mit Clayton ‹Peg Leg› Bates, einem einbeinigen schwarzen Step-Tänzer der Zwanzigerjahre.
Wie bei Lorna Simpson sind auch bei Gallagher die Haare Bedeutungsträger: Der Afro-Look als Symbol der Black Power, die gezähmte Perücke als Zeichen der Angleichung. Für ihre ‹Yellow Paintings› hat sie Beauty-Werbung aus Magazinen ausgeschnitten und auf die Köpfe wilde Wülste aus Knetmasse gesetzt. Diese merkwürdigen Hauben scheinen ein Eigenleben zu führen - sie sind den Meeresorganismen aus ‹Drexciya› nicht unähnlich.

Bis: 13.07.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Ellen Gallagher [28.02.14-13.07.14]
Institutionen Haus der Kunst München [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Ellen Gallagher
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