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5.2014




Varese : Aisthesis


von: Ute Diehl

  
links: Robert Irwin · Varese Portal Room, 1973, Ver­tikaler Schnitt in den Park, Solomon R. Guggen­heim Museum, NY, Panza Collection, Geschenk, 1992, Permanente Leihgabe an ­ FAI/Fondo Ambiente Italiano ©­ProLitteris. Foto: A. Zambianchi
rechts: James Turrell · Ganzfeld, Varese, 2013, James Turrell Studio, Flagstaff, Arizona. Foto: FAI


Graf Panza di Biumo (1923-2010), ein bedeutender italienischer Kunstliebhaber, der bevorzugt US-amerikanische Kunst sammelte, lernte Anfang der Siebzigerjahre in Kalifornien die Lichtkünstler Robert Irwin (*1928) und James Turrell (*1943) kennen. In seiner Familienvilla im oberitalienischen Varese stellte er den beiden Meistern der optischen Illusion Räume für Lichtinstallationen zur Verfügung. 1996 schenkte Panza die Villa und den umliegenden Park der italienischen Stiftung für Denkmalschutz, FAI. Seitdem ist hier ein Teil der Sammlung öffentlich zugänglich.
Irwin und Turrell werden jetzt mit einer von Michael Govan, dem Leiter des Los Angeles County Museum of Art, kuratierten Ausstellung geehrt. Unter dem Titel ‹Aisthesis-All'origine delle sensazioni› sind 19 Werke, hauptsächlich Leihgaben aus amerikanischen Museen, zu sehen. Das altgriechische Wort Aisthesis bezeichnet eine alle Sinne umfassende Wahrnehmung. Die beiden Kalifornier führen die Entwicklung dieser Fähigkeit als einen psychophysischen Prozess vor, so auch in ihren neu geschaffenen Werken. «Als mich Graf Panza vor mehr als vierzig Jahren in seine Villa einlud, ahnte er nicht, dass er bald kein Dach mehr über dem Kopf haben würde», scherzt James Turrell heute. Er realisierte damals seinen ersten ‹Skyspace›, eine grosse Öffnung in der Decke, durch die ein Stück Himmel ins Haus fiel. Irwin installierte 1973 in Panzas Villa drei Werke, deren Medium das Licht war. Generationen von Installationskünstlern haben von dem gezehrt, was er damals als «site-conditioned» definierte, als ortsspezifischen Eingriff. Jetzt zeigt Irwin im Wintergarten der Villa, wie schnell ein Mensch die Orientierung verlieren kann, um dann in einem Labyrinth herumzutappen, das lediglich aus ein paar transparenten Stoffbahnen und dem von oben einfallenden Tageslicht besteht.
Turrell holte noch einmal gross aus und installierte ein ‹Ganzfeld› in einem leerstehenden Wirtschaftsgebäude. Das Publikum, eingehüllt vom Lichtnebel, glaubt vor einer Wand zu stehen, streckt vielleicht die Hand aus, aber da ist nur Licht. Die räumlichen Konturen sind aufgelöst, eine Orientierung nicht möglich. Eine schimmernde, homogene Fläche hängt in der Luft. Das Auge nimmt keinerlei Kontraste wahr und blendet die visuelle Wahrnehmung nach kurzer Zeit aus. Das ‹Ganzfeld› ist wie geschaffen für einen Soforteinstieg in die Meditation. Aber da kommt auch schon das Personal und führt uns hinaus. Mehr als zehn Minuten soll keiner im ‹Ganzfeld› verweilen. Sonst könnten Gleichgewichtsstörungen auftreten.

Bis: 02.11.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Robert Irwin, James Turell [30.10.13-02.11.14]
Institutionen Villa Panza [Varese/Italien]
Autor/in Ute Diehl
Künstler/in Robert Irwin
Künstler/in James Turell
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