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5.2014




Zürich : Betty Woodman


von: Claudia Jolles

  
links: Betty Woodman · Installationsaufnahme, 2014, Courtesy Galerie Francesca Pia, Zürich. Foto: Annik Wetter
rechts: Betty Woodman · Wallpaper No. 5, 2014, Glasierte Keramik, Epoxyharz, Lack, Acrylfarbe, 305x386x2,5 cm, Courtesy Galerie Francesca Pia, Zürich. Foto: Mathilde Agius


Die Werke von Betty Woodman (*1930 Norwalk, Connecticut) lassen sich am besten mit Gegensätzen beschreiben: raumgreifend und flach, zeitlos und zeitgemäss, dekorativ und tiefgründig. Das augenfälligste Merkmal der Gemälde, Objekte und Reliefs sind ihre leuchtenden Farben sowie ihr Mix an Materialien, Techniken und Dimensionen. Mit Matisse verbindet die Künstlerin ein schwungvoller Umgang mit floralen, dekorativen Motiven, die sie - ähnlich wie der zunehmend immobil gewordene Maler in seinen späten Scherenschnitten - in einem immer grösseren Radius und schnellerem Rhythmus über die Wände tanzen lässt. Mit den Pattern-Art-Malern teilt sie den intuitiven unverkrampften Umgang mit Farben und Mustern. Und mit der Arts-and-Crafts-Bewegung die Auseinandersetzung mit dem Kunsthandwerk. Ein Grossteil von Woodmans Arbeiten besteht ganz oder teilweise aus Ton. Mal sind es auf der Töpferscheibe in die Höhe gezogene Gefässe oder auch gedrehte und dann auf den Boden geklatschte Tonelemente. Meist sind die Arbeitsspuren noch zu sehen, doch statt vor einer Vase stehen wir vor einem aufgeschlitzten Objekt oder dem flächigen Abklatsch eines potenziellen Gefässes bzw. der erstarrten Dokumentation eines formschaffenden und formsprengenden Prozesses.
In der westlichen Kultur ist Töpfern meist weiblich konnotiert. Zudem interpretierte Sigmund Freud, der sonst mit motivischen Zuweisungen zurückhaltend umging, Gefässe als Symbole für das Weibliche. Vor diesem kulturellen Hintergrund erscheinen Woodmans Werke wie bildgewordene Verweigerungen. Ihre Töpfereien sind vor unseren Augen explodiert, die Splitter überziehen ganze Wände, erzählen von einem vormaligen Gebrauch, doch erfüllen diesen nicht mehr.
Was sind sie denn, diese sperrigen Teile der heute über achtzigjährigen, in New York und Italien lebenden Künstlerin? Sie sind dekorativ und stellen gleichzeitig das Dekorative in Frage. Denn statt mit Ornamenten über das Prosaische, Pragmatische, Technische hinwegzutäuschen oder Inkongruentes zusammenzufassen, geht es hier um Bewegung und Energie, die von aussen nach innen dringt. Zunächst mal durch den Ton, der geknetet, in Form gezogen, wieder platt geschlagen, glasiert und gebrannt wurde. Und, auf zweiter Ebene, um einen energetischen Tanz, der durch die kraftvolle Auseinandersetzung mit dem urtümlichen Material über das Kunsthandwerkliche hinaus wieder direkt in unsere Lebensrealität zurückschlägt, unsere Wände, Räume und unser Denken erfasst. Mit Gesten - ebenso sanft wie radikal.

Bis: 10.05.2014



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Ausgabe 5  2014
Ausstellungen Emil Michael Klein, Betty Woodman [14.03.14-10.05.14]
Institutionen Galerie Francesca Pia [Zürich/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Betty Woodman
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