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Fokus
6.2014


 Raphael Hefti liebt Experimente. Welche Stoffe, welche Arbeitsprozesse verbergen sich hinter den Oberflächen industriell gefertigter Produkte? Fragen wie diese bewegen den umtriebigen Künstler. Für seine kühnen Experimente mit Metall und Museumsglas erhält er jetzt den Manor-Preis Biel, der mit einer Ausstellung im Centre Pasquart verbunden ist.


Raphael Hefti - Hightech-Prozesse und das Licht des Südens


von: Alice Henkes

  
links: Quick Fix Remix, 2013, Installationsansicht Ancient and Modern, London
rechts: The Violet Blue Green Yellow Orange Red House, 2014, Permanente Installation Fondation Vincent Van Gogh Arles, Glas mit Luxar-Antireflex-Beschichtung, polierter Edelstahl. Foto: Gunnar Meier


Erst das Licht belebt die Installation, die Raphael Hefti auf dem Dach der Fondation Vincent van Gogh in Arles aufgebaut hat. Die Arbeit ‹La Maison violette bleue verte jaune orange rouge›, 2013, wirkt wie ein Labyrinth aus farbigen Gläsern. Ein Labyrinth, in dem das Licht sich je nach Jahreszeit und Stunde in unterschiedlichen Glasbahnen fängt, bricht, spiegelt. Das Licht des Südens war für Vincent van Gogh von unendlicher Faszination. Auf der Suche nach dem hohen Ton, wie er dieses Licht nannte, kam der Künstler 1888 nach Arles, wo viele seiner zentralen Werke entstanden. Auf Initiative der Schweizer Kunstsammler Luc und Maja Hoffmann wurde an diesem für van Gogh so bedeutenden Ort jüngst die Fondation Vincent van Gogh eingeweiht, in der sich die Kunst der Moderne und der Gegenwart begegnen.
Das Licht des Südens, es spielt eine zentrale Rolle in Raphael Heftis grossräumigen Installation. Allerdings klingt es bei dem gutgelaunten Schweizer wesentlich lässiger als bei van Gogh, wenn er darüber spricht. Und wesentlich nüchterner. Da ist eher von Hightech-Prozessen die Rede, in denen Glas durch Metallbeschichtungen entspiegelt wird. Durch dieses Verfahren entsteht sogenanntes Museumsglas, das vor UV-Strahlung schützt und nicht spiegelt, um eine optimale Sicht auf die Werke zu ermöglichen.

Fingerabdrücke und Herstellungsfehler

Bei Hefti allerdings entfalten diese Gläser eine überraschende Wirkung, denn er hat sie nicht einem einfachen Entspiegelungsprozess unterziehen lassen. Er hat diesen Prozess mehrfach wiederholt. Durch die Mehrfachbeschichtung erhält das Glas eine luzide Farbigkeit und changiert zwischen verschiedenen Tönen des Spektrums, zwischen Gelb, Rot und Blau. Zudem verliert die mehrfach aufgetragene Beschichtung ihre entspiegelnde Wirkung. Das Glas wird zum schillernden Spiegel. Auf dem Dach der Fondation Vincent van Gogh in Arles wird es zum Kaleidoskop, welches das Licht auf die weissen Wände des darunter liegenden Raumes wirft.
In Heftis weitläufigem Atelier in Zürich lehnen grosse Gläser an den Wänden. Er mag besonders jene Gläser, die kleine Produktionsfehler aufweisen, an denen etwas vom technischen Vorgang ahnbar wird, der sich hinter der glänzenden Oberfläche verbirgt. In Spuren von Fingerabdrücken werden die verschiedenen Beschichtungen sichtbar. Hefti schätzt diese Fehler als ästhetische Variante. Er liebt es, mit Techniken und Materialien zu spielen.
Raphael Hefti wuchs in Biel auf und absolvierte zunächst eine Elektroniklehre, bevor er in Lausanne und London studierte. Das Technische, das Machbare, das Formbare interessiert ihn. Doch: «Ich hätte nicht zehn Jahre an der Herstellung von PET-Flaschen-Spritzgussmaschinen arbeiten können», sagt der experimentierfreudige Künstler, der gern Neues ausprobiert. «Es kann interessant sein, kleine Details zu ändern», sagt er, räumt aber ein: «Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch konzeptuell interessant.»

Explosion im Berner Oberland
Seine Lust am Experiment hat Hefti zur Einladung nach Arles verholfen und zum Manor-Preis, verbunden mit einer Ausstellung im Centre Pasquart in Biel. Die Einladungskarte für die Schau wiederum bietet Hefti neuen Raum fürs Spiel mit der Technik: Der Künstler liess kleine Manipulationen an der Druckmaschine durchführen, dadurch konnten die Karten mit Variationen gedruckt werden. Jede der 7'500 Karten ist mit eigenen Farbkombinationen und -verläufen, mal in Grün-, Rot- oder Blautönen bedruckt. «Das ist ein Fest für die Leute in der Druckerei», sagt Hefti. Die Drucker freuen sich, wenn mal nicht der übliche Standard-Auftrag kommt, sondern wenn sie auch ein wenig experimentieren können, und dabei zeigen, dass auch in der seriellen Produktion Raum fürs Kreative ist. Wie mischt man ein schönes, sattes Schwarz? Was passiert, wenn man da noch ein wenig Gold dazu gibt?
Hefti ist ein Macher, ein Experimentator, dem man die Freude am Tun anmerkt. Er nähert sich der Welt mit einer unbändigen Lust am Ausprobieren und herzerfrischender Respektlosigkeit. 2006 schuf er die Fotoserie ‹Disco›. Die grossformatigen Bilder zeigen nächtliche Berge, partiell erleuchtet von Magnesium-Leuchtkörpern, wie sie vom Militär für Aufklärungszwecke benutzt werden.

Hexenpulver und Hightech-Fotopapier

In der Kunstszene stiess die Serie ‹Disco› Hefti auf einige Beachtung. Die Arbeiten wurden im Photoforum Pasquart gezeigt. Das Kunsthaus Glarus lud dann den Künstler ein, der im Berner Oberland einen Film realisieren wollte, in dem mit Magnesium gefüllte Wetterballone an Dronen durch die Berge fliegen und diese kurzzeitig erhellen sollten. Ein aufwendiges Unterfangen, an dessen Durchführung Hefti lange plante. Im Januar 2007 war alles parat. Die Magnesium-Lichtkörper lagerten startbereit auf dem Mercedes, in dem sich auch die komplette Kameraausrüstung befand. Der Wagen stand vor dem historischen Hotel Rosenlaui. Durch eine Fehlzündung jagte Hefti alles in die Luft: die Leuchtkörper, das Auto, seine Kameras. Alles. Hefti verlor durch diesen Fehler nicht nur sein komplettes Fotoequipment. Er wurde vor Gericht geladen und wegen Auslösung einer Feuersbrunst und Störung des Wildfriedens verurteilt. Die Gesetzeshüter reagierten besonders empfindlich, weil zum Zeitpunkt der Explosion am anderen Ende der Schweiz gerade das WEF stattfand. Das Berner Oberland mag weit entfernt sein von Davos, aber man kann ja nie wissen.
Das Thema Fotografie war danach für Hefti erledigt. Seine Begeisterung für brennende Geschichten allerdings kühlte nicht ab. Immer noch spielt er gern mit dem Feuer. Seine ‹Underlay Push Sticks›, 2012, sind über fünf Jahre immer wieder auf 1100°C erhitzte und abgekühlte Stahlstangen. Durch die extremen Temperaturwechsel wird das Material, das man eigentlich mit Härte verbindet, brüchig und porös. Die Oberfläche wirkt wie Holzkohle. Den Herstellungsfehler, der ihm in der Ausbildung mal per Zufall passierte, wendet er jetzt gezielt an.

Mobile Giessanlage und kontrollierter Vulkanausbruch

Hefti arbeitet gern mit überraschenden Eigenschaften des Materials und mit dem Herstellungsprozess an sich und seinen möglichen Fehlerquellen. «Viele Prozesse laufen heute versteckt ab, mich interessiert die Entstehung von Sachen.» Bei den Objekten der Serie ‹Thermit Welding› wird die Herstellung zum Happening. Thermit entsteht, indem Aluminiumgranulat und Eisenoxid erhitzt werden. Hefti führt das mittels einer mobilen Giessanlage vor, die er mal am Strand von Wales aufbaut, mal in seiner Londoner Galerie, deren Räume er zuvor mit zwanzig Tonnen Sand füllen lässt. Das Thermit fliesst aus dem mobilen Kocher in den Sand und kühlt dort in bizarren Formen aus. Im Video wirkt das wie ein kleiner, mehr oder weniger kontrollierter Vulkanausbruch. Ob er dafür eine Genehmigung hatte? Hefti lacht und winkt ab: Für so eine Aktion kriegst du nie eine Genehmigung, das macht man einfach so.
Und Hefti macht einiges. Neben seinem Atelier in Zürich hat er auch ein Studio in London, wo er zudem einen Off Space betreibt. Er ist immer in Aktion, immer an neuen Experimenten dran. In seiner Serie ‹Lycopodium› arbeitet er seit 2012 mit Sporen einer bestimmten Moosart, die er mühsam im Atelier gezüchtet hat. Getrocknet werden die Sporen zu Hexenpulver, das extrem schnell und hell brennt. Hefti schüttet es auf Hightech-Fotopapier und bewegt es darauf. So entstehen abstrakte Farbstrukturen, die an Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, Urknall erinnern. Was dem Künstler am besten gefällt ist, dass durch die Verbindung von Natursubstanz und moderner Technik etwas Neues entsteht.

Alice Henkes (*1967, Hannover), Studium Germanistik und Soziologie, arbeitet als Kulturredaktorin für das Bieler Tagblatt und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. Sie lebt in Biel. alice.henkes@bluewin.ch

Bis: 22.06.2014


Raphael Hefti (*1978, Biel) lebt in Zürich und London

1993-1997 Elektroniklehre
1998-2002 Ecole Cantonale d'art de Lausanne
2009-2011 Slade School of Fine Art, University College, London

Einzelausstellungen (Auswahl)
2013 ‹Nature more›, CAPC, Bordeaux; ‹Quick Fix Remix›, Ancient & Modern, London
2012 ‹Inside the White Cube›, White Cube Gallery, London; ‹Launching Rockets Never Gets Old›, Camden Arts Centre, London
2011 ‹327 Different Sounds›, Coalmine Galerie, Winterthur; ‹Beginning with the first thing that comes to mind›, Fluxia, Mailand
2009 ‹Things in the Air›, zuammen mit Alex Rich and Jürg Lehni, Museum Bellpark, Kriens
2008 ‹Prix Anderfuhren› Centre Pasquart, Biel; ‹Langblitzpulver›, Kunsthaus, Glarus



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Ausgabe 6  2014
Ausstellungen Fröhlicher/Bietenhader, Pascal Häusermann, Raphael Hefti [04.05.14-22.06.14]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Raphael Hefti
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