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Fokus
6.2014


 Mit ungebrochener Frauenpower und unverkennbarer Handschrift arbeiten die Künstlerinnen von Mickry3 an einer neuen, überraschenden Installation, die sowohl Skulpturen, Reliefs wie auch Gemälde umfasst, und einem chaotischen Rebus und Verwirrspiel gleicht. Das Publikum wird mit viel Hintersinn und Humor auf falsche Fährten gelockt und mit launigen, detailreichen Geschichten konfrontiert. Ich treffe die drei Frauen beim Aufbau ihrer aktuellen Ausstellung ‹The Hidden Story› im Helmhaus Zürich.


Mickry3 - Lustvolles Mäandern zwischen Schein und Sein


von: Dominique von Burg

  
links: Der Brand/Die Leidenschaft/Die Pfadfinder/ Die Verwandlung zum Spion/Die List, 2014
rechts: Initialzündung, 2014, oben und unten: Styrofoam, Acrystal, Fiberglas, Acryl, Tape


Auf dem Unterarm von Dominique Vigne entdecke ich in grossen, schlanken Lettern «AZB» eintätowiert. Was, wenn sie diese Initialen einst nicht mehr sehen will? Das gibt's doch gar nicht, meint sie entrüstet. Die Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer/AZB im Gaswerkareal Schlieren - dort wo auch Mickry3 ihr stimmungsvolles Atelier betreiben - ist ihr Leben, ihre Kunst, ihre Liebe, einfach alles. Dies mag wohl auch für Christina Pfander und Nina von Meiss gelten, auch sie haben sich die Initialen eintätowiert und damit ihre Zugehörigkeit besiegelt.
Nina bringt an einem Feuerchen aus Styrofoam gerade die letzten Pinselstriche an. Die Skulptur ist gespalten, die Schnittflächen sind mit Spiegeln verkleidet, die einzelnen Teile sind schräg gestellt und gestaffelt positioniert. Auch andere, nahe stehende Figuren werden mehrfach gespiegelt und bieten dem Auge ein raffiniertes optisches Spiel. Die Protagonisten, Silvana - eine Frauenfigur zwischen Göttin und Biest mit LED-Leuchtaugen -, ein Auto und eine Menge Meerschweinchen sind zu versponnenen Ensembles kombiniert. Blaue Verbindungslinien vernetzen die Objekte und entwerfen ein offenes Geflecht von Geschichten. Bald sind sie bedrohlich oder dramatisch, bald lustig, bald dadaistisch oder mitunter alles gleichzeitig. So weiss man bei einem Setting mit brennenden Zündhölzern nicht, ob damit ein Feuer entfacht, ein Brand gestiftet oder ob eine «Initialzündung» symbolisiert wird. Das Spiel mit ‹The Hidden Story›, so der Ausstellungstitel, setzt sich bei diversen szenischen Settings fort, so einem brennenden Feuer, das gemäss Werktitel unter anderem einen ‹Brand›, ‹die Leidenschaft› oder ‹Pfadfinder› bei einem Feuer sitzend, suggeriert.

Eingespielte Arbeitsweise

Die meisten Werke tragen mehrere Titel. Damit soll «die jeweilige Skulptur in andere Dimensionen rutschen». Mit der multiplen Titelgebung wollen die Künstlerinnen gezielt die Macht der steuerbaren Bildinterpretation brechen und das Publikum auf verschiedene Fährten locken.
Für die jetzige Werkgruppe diskutierten die drei Frauen ihre Ideen nicht wie üblich vorgängig aus und einigten sich auf ein Konzept, sondern sie hielten sich nur an formale Vorgaben und besprachen dann laufend die Gestaltung während des Arbeitsprozesses. Ihrer eingespielten Arbeitsweise sind die Mickrys dennoch treu geblieben. Diese funktioniert ohne Arbeitsteilung. Stattdessen bringt jede Künstlerin ihre Stärken ein und arbeitet jeweils an jedem Werk mit. Nach wie vor erstellen sie ihre Objekte in aufwändiger Handarbeit. Seit Jahren schon verwenden sie den leicht schnitzbaren Werkstoff Styrofoam, dessen löchrige Oberfläche sie mit selbst eingefärbtem Acrystal versiegeln und dann mit Glanzlacken bemalen.
Auf die Frage nach Krisen oder künstlerischen Blockaden erzählen sie von Phasen, während denen sie schon mal etwas herumdümpeln können. Sie achten jedoch darauf, nicht in einen Trott zu verfallen. Und glücklicherweise verlaufen Krisen nie gleichzeitig, so dass sie sich gegenseitig immer neu motivieren und inspirieren können. Die Ideen scheinen ihnen jedenfalls nie auszugehen. Angesprochen auf den Hype um ‹M3 Supermarkt›, eines ihrer früheren Erfolgsprojekte, winken sie gelangweilt ab. Dennoch sind sowohl die damals erstmals in Umlauf gesetzte Materialfülle sowie das Installative weiterhin relevante Charakteristiken ihres Schaffens.

Massenprodukte in Bastelästhetik
Mit der Installation ‹M3 Supermarkt› hatte 2001 alles angefangen, ein Durchbruch war erreicht. Die Mickry3-Produkte aus Pappmaché und in Zellophan verpackt, deren Palette von Glückspillen zu menschlichen Organen, Implantaten und einem weiblichen Orgasmus reichte, konnten zu Schnäppchenpreisen erworben werden - ganz nach dem Credo, preiswerte Kunst für alle herzustellen. Gleichzeitig unterwanderten sie so die Funktionsweise des Marktes und des Kunstbetriebs. 2004 entwickelten sie abschliessend die Werkreihe ‹Mickrymorphosen›, die Massenprodukte in Form freistehender, breitrandiger Bilder in Bastelästhetik im Comic-Stil fantasievoll verwandeln. Mit ‹Golden Cut› kopierten und interpretierten sie Werke alter Meister im Louvre auf saloppe Weise. Aufsehen erregten sie später vor allem mit der Serie ‹Get Physical›: Gestikulierende Riesen-Penisse und -Vaginas oder Brüste auf zwei Beinen. Die installative Waldidylle in Form einer Riesenlandschaft aus Pappe, Fiberglass und Acryl, ‹Ein Tag im Wald›, 2009, zeigte dann, dass die Künstlerinnen das Spiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen abstrakter, expressiver und popartiger Ausdrucksweise mittlerweile überzeugend beherrschen. Thematisch wandten sie sich 2012 mit der Serie ‹House of Pain› vermehrt abgründigen, existentiellen Aspekten zu.
Die Skulpturen, Reliefs und Gemälde von Mickry3 knüpfen an verschiedene künstlerische Praxen an: an die Tradition der Pop-Art mit der Vermischung von High & Low und an Warhols seriell hergestellte Kunstwerke. Im Gegensatz zu diesem setzen sie sich jedoch mit den handgefertigten Unikaten der ‹M3 Supermarkt›-Serie von der industriellen Fertigung ab. Und sie sprechen mit ihren Lounge-Arbeiten, etwa ‹Hot Spot›, 2005, bewusst auch ein kunstfremdes Publikum an.
Auch wenn es ihnen generell wohl eher um existentielle Fragen als um politische Themen geht, so haben sie - vielleicht in Anknüpfung an ihre Zeit in der Zürcher Subkultur - am Abstimmungstag der «Masseneinwanderungsinitiative» ganz spontan eine Figur geschaffen, die dem SVP-Politiker Christoph Blocher verblüffend ähnlich sieht: Auf seinem Kopf steckt ein roter Plastikkübel fest, während schwarze Hände nach seinem Hinterkopf greifen und er scheinbar von einer Meerschweinchenmasse angegriffen wird. Damit haben die Mickrys eine geradezu prägnante Chiffre für die Ängste und Vorurteile der politisch rechts stehenden Kräfte geschaffen.
Dominique von Burg, Kunsthistorikerin und Autorin, lebt in Zürich. dvonburg1@bluewin.ch

Bis: 01.11.2014


Dominique Vigne (*1981), Nina von Meiss (*1978), Christina Pfander (*1980); arbeiten in Zürich

1997-2001 F + F, Schule für Kunst und Mediendesign, Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2012 ‹House of Pain›, Barbarian Art Gallery, Zürich
2010 ‹Tag im Wald›, Kunsthalle Arbon, Arbon
2008 ‹The Unbreakables›, Corner College, Zürich; ‹Get Physical›, Art Brussels, Groeflin Maag, Brüssel
2007 ‹Don't Believe the Apes›, Groeflin Maag, Zürich; ‹Die Schwere des Seins›, Message Salon, Zürich
2005 ‹Mickrymorphosis part II› , Lizabeth Oliveria Gallery, Los Angeles
2004 ‹Mickrymorphose›, Groeflin Maag Galerie, Basel
2002 ‹M3 Supermarkt›, Sammlung Hauser und Wirth, Lokremise, St. Gallen
2001 ‹M3 Supermarkt›, Kunstraum Walcheturm, Zurich

Mickry3, Monografie, Edition Clandestin, Biel



Links

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Ausgabe 6  2014
Ausstellungen Mickry3, Alex Sadkowsky [25.04.14-22.06.14]
Ausstellungen Ivana Falconi, Susi Kramer, Mickry3 u.a. [27.09.14-08.11.14]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Institutionen Galerie Carzaniga [Basel/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Mickry3
Link http://www.edition-clandestin.ch
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