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Fokus
6.2014


 In einer kaleidoskopischen Ausstellung im Landesmuseum beschreiben Juri Steiner und Stefan Zweifel den Zeitgeist in Europa von 1900 bis 1914. Ein flimmerndes Sammelsurium wirft den Blick auf die Zeit der Wiener Sezession, des Monte Verità, der Lebensreformbewegung und eine Phase der beschleunigten technischen und wissenschaftlichen Entwicklung.


Kuratorengespräch - Expedition ins (Un-)Glück


von: Pablo Müller

  
links: Zwangsjacke, um 1900, Schneiderei Waldau, Bern, Psychiatrie-Museum Bern. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum
rechts: Franz Reichelt · Death Jump, 1912, Todessprung vom Eiffelturm, Courtesy British Pathé, Filmstills


Müller: Ihr stellt zwei geistesgeschichtliche Ereignisse an den Anfang eurer Zeitrechnung. 1900 starb Friedrich Nietzsche und im selben Jahr veröffentlichte Sigmund Freud das Buch ‹Die Traumdeutung›. Wie haben diese Ereignisse den Zeitgeist nach 1900 geprägt?

Zweifel:
Das Ich, das Nietzsche beschrieben hat, ist ein neues Ich. Es steht am Anfang des Jahrhunderts und ob es einen Übergang oder einen Untergang bedeuten würde, war damals noch nicht klar. Dieses Ich ist nicht mehr in sich geschlossen wie im 19. Jahrhundert, als die gesellschaftlichen Strukturen noch sehr undurchlässig waren. Die Frauenrolle stand fest, ebenso die Rolle des Kindes. Das neue Ich ist zersplittert. Darum befindet sich in der Mitte der Ausstellung die facettierte Wandlaterne von Josef Hoffmann aus einem Irrenhaus. Damals haben viele Leute diese Zersplitterung als Bedrohung wahrgenommen. Plötzlich gab es ein Ich, ein Es und ein Über-Ich. Das verunsicherte. Doch bedeutete es auch eine Befreiung. Die Leute begannen, sich mit ihren Wünschen und Sehnsüchten zu konfrontieren.

Müller: Die Schau ist ein kulturhistorisches Sammelsurium. Es gibt Kunst zu sehen, aber auch Filme, Alltagsobjekte, technisches Gerät, historische Dokumente.

Zweifel:
Wir haben sehr motivisch gearbeitet und versucht, Assoziationsdominos herzustellen. So gibt es am Anfang eine Zwangsjacke. Diese hat Freud dann mit der Psychoanalyse überwunden und zu der Befreiung des Ichs im Badekleid geführt.

Steiner: Zunächst ging es darum, ein Drehbuch zur Ausstellung zu schreiben. Schnell hatten wir die acht Kapitel. Doch konnten wir dann dieses Drehbuch nicht linear verfolgen. Man ist ja auch von externen Faktoren abhängig und wir wollten typologisch ein ausgewogenes Verhältnis herstellen. Die Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum war prima. Andreas Spillmann, der Direktor, hat uns vertraut, und die Arbeit mit der hausinternen Co-Kuratorin Rebecca Sanders war spitze. Wir alle mussten mit dieser variablen Geometrie der zu- und abgesagten Leihgaben umgehen.

Ich, Es und Über-Ich

Müller: Im Film ‹Death Jump›, 1912, springt Franz Reichelt vor versammelter Weltpresse bei einem Testflug mit seinem neu entwickelten Fluganzug in den Tod. Exemplarisch, wie ich finde, verbindet dieses Dokument den damaligen Wagemut, die Hybris und die einsetzende massenmediale Vermittlung.

Steiner: Wir sind keine Filmhistoriker. Unsere Auswahl an Filmen ist nicht wissenschaftlich. Wir haben all die Klassiker von Méliès und den Lumière-Brüdern angeschaut und sind in die Tiefen von Youtube eingetaucht, haben alle möglichen Filmdokumente aus der Zeit gesichtet, vom Autorennen in Venice Beach bis zur Hinrichtung des Elefanten Topsy mit 6600 Volt. Schliesslich haben wir nach unserem Gusto ausgewählt. Der tragische «Fall» Reichelt hat uns sofort fasziniert.

Zweifel: Die Faszination fürs Fliegen teilten auch die modernen Künstler. In Felix Philipp Ingold's Buch ‹Der grosse Bruch› ist neben den russischen Künstlern auch Reichelt abgebildet. Auch das im Katalog zu unserer Ausstellung abgebildete Werk von Marinetti zeigt das Fliegen und aus dem Flugzeug fliegende Flugblätter.

Müller: In einem Kabinett zeigt ihr Werke von Arnold Schönberg, Egon Schiele, Ferdinand Hodler. In der Mitte der Ausstellung finden sich ein kubistisches Werk von Pablo Picasso, ein Werk des Futuristen Luigi Russolo sowie Malereien von Emil Nolde und Ernst Ludwig Kirchner. Worin liegt im Unterschied zu den anderen Artefakten die besondere Eigenschaft der Kunst beim Beschreiben des Zeitgeistes?

Steiner: Wir wollten das kunsthistorische Reinheitsgebot etwas zurücknehmen. Unsere Sehhaltung und -erwartung ist von den Kunstmuseen geschult. Museen zeigen sozusagen die «Sonntagstracht» der Kunst. Uns interessierte der Prozess, die Dynamisierung des Kreativen, wo es aus der Hand sprudelt, wo die Kunst noch nicht zu einem Programm-Bild geronnen ist. Von Kandinsky zeigen wir darum ein wunderbares, kleines Skizzenblatt. Diese Studie ist für unseren speziellen Fall interessanter als eine abgeschlossene Komposition. In der Mitte der Ausstellung haben wir dann einige kanonisierte Werke versammelt. Diese werden aber durch das flirrende Nervöse rundum ihrerseits etwas aufgestachelt. Wenn du zum Beispiel ein futuristisches Bild im Kunstmuseum siehst, denkst du vielleicht, es fehle ihm etwas an Leben. Die starke Ausstellungsarchitektur und Lichtführung des Szenographen Alex Harb, der vom Theater kommt, dynamisiert die Werke nun regelrecht. Seinem Auge und Fingerspitzengefühl haben wir viel zu verdanken.

Die Befreiung im Kind

Müller: In Referenz auf Nietzsche habt ihr an der Pressekonferenz drei Figuren der Geschichtsschreibung erwähnt: das Kamel, den Löwen und das Kind. Ihr habt euch für den unvoreingenommenen Kinder-Blick entschieden. Findet ihr nicht, dass ihr mit dieser scheinbar ideologiefreien Perspektive das herrschende Narrativ geradezu unkritisch reproduziert?

Zweifel: In ‹Zarathustra› beschreibt Nietzsche drei Verwandlungen bis zum Übermenschen: vom Kamel zum Löwen zum Kind. Das Kamel trägt auf seinem Rücken alles Wissen durch die Wüste. Alles wird bewahrt. Der Löwe, die blonde Bestie, ist ein Gegenbild dazu. Er möchte alle Werte, die es bisher gab, zerstören. In dieser Negation bleibt er aber unfrei. Das Kind schliesslich, der Übermensch, ist wirklich frei. Das Kind bedeutet Unschuld und Vergessen. Diese kindliche Perspektive war für die Ausstellung leitgebend. Weiter spielte die Entdeckung des Kindes - ich denke an Maria Montessori, Rudolf Steiner - eine wichtige Rolle zu jener Zeit. Auch Ellen Key - der dritte Ausgangspunkt der Schau - erklärte die kommende Zeit zum Jahrhundert des Kindes und hoffte auf eine Erneuerung des Menschen durch das Kind.

Steiner: Das hat aber auch biografische Gründe. Wir haben beide Kinder. Wir fragten uns immer wieder, wo unsere persönliche Andockstellen für die Zeit vor hundert Jahren liege. Über die kindliche Perspektive konnten wir das Potenzial und die Ängste von damals gut mit unserer eigenen Erfahrung verknüpfen. Dabei geht es weniger um eine wissenschaftliche als um eine emotionale, emphatische Kompetenz. Es geht darum, historische Dinge neu und aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen, sie uns frisch anzueignen. Wir haben Exponate gewissermassen wie Werkzeuge behandelt, geschaut, ob wir wissen, was wir mit ihnen anfangen, wozu sie helfen können.

Bewusstseinsforschung
Müller: Euer Kind ist vor allem in Wien und Paris zu Hause und blickt von da aus auf die Welt.

Zweifel: Das muss man sagen. Es ist wirklich eine eurozentristische Ausstellung. Japan und China haben wir bereits zu Beginn ausgeschlossen. Auch der Einfluss der afrikanischen Kunst auf die Avantgarde wird lediglich angedeutet. Es ist wirklich Paris, Wien und ein wenig Italien. Es ist eine mitteleuropäische Bewusstseinserforschung. Das hätte man vielleicht noch etwas deutlicher machen sollen.

Müller: Im Katalog wird die Zeit von 1900 bis 1914 in Bezug zur heutigen gesetzt. Was hat diese Zeit mit heute zu tun?

Zweifel: Der Bezug zu heute ist nicht direkt. Es gibt ähnliche Phänomene heute wie damals. Zum Beispiel ein gewaltiger technischer Wandel, der das Familienleben und das Zusammensein veränderte - so heute mit der ständigen Erreichbarkeit. Dann auch die Illusion, frei zu sein und sich neu erfinden zu können. Das gibt es heute auch.

Steiner: Ruth Dreifuss nennt im Kataloginterview mit Andreas Spillmann bei den Parallelen zu heute den erweiterten Menschen mit seinen ausgedehnten Fähigkeiten. Es sei nicht mehr nur die Geschwindigkeit, die uns überfordere. Heute komme ein irrsinniges Machtgefühl hinzu, dass wir in Echtzeit in der ganzen Welt präsent sein können. Und mit den medizinischen Möglichkeiten beginnen wir sogar bisherige Grenzen des Überlebens zu sprengen. In diesem Sinn befinden wir uns gemäss Ruth Dreifuss heute wie damals in einem Rausch.

Müller: Denkt ihr demnach, es gibt bald wieder einen grossen Krieg?

Zweifel: Noch 1914 schreibt Erich Mühsam, der Krieg sei in weite Ferne gerückt wegen der globalen wirtschaftlichen Abhängigkeit. Das ist heute ja auch so. Man denkt, ein Krieg würde ja gar niemandem etwas bringen. Doch die Globalisierung ist kein Garant für Frieden.
Pablo Müller, Kunstkritiker und Kunsthistoriker, lebt und arbeitet in Zürich. pablomueller@gmx.net

Bis: 13.07.2014


Juri Steiner (*1969, Zürich), Kunsthistoriker und Kurator, lebt in Lausanne
2007 bis 2011 Direktor des Zentrums Paul Klee in Bern; wirkte in der Sendung Literaturclub des
Schweizer Fernsehens mit und seit 2011 in der Sternstunde Philosophie

Stefan Zweifel (*1967, Zürich), Übersetzer und Publizist, lebt in Zürich
Er schreibt unter anderem für Neue Zürcher Zeitung, Weltwoche, DU sowie Literaturen; seit 2007 ist er Mitglied und seit Herbst 2012 Gesprächsleiter der Sendung Literaturclub im Schweizer Fernsehen

Gemeinsames Projekt
2013 ‹Balades avec le Minotaure›, Centre Dürrenmatt Neuchâtel



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Ausgabe 6  2014
Autor/in Pablo Müller
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