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Ansichten
6.2014


 Anfang dieses Jahres bin ich nach Ankara geflogen, um eine Einzelausstellung von Necla Rüzgar zu sehen. Die türkische Künstlerin ist als Malerin bekannt, stellte aber überraschenderweise eine Reihe von Skulpturen aus, die sie der Öffentlichkeit zum ersten Mal präsentierte.


Ansichten - Einspruch gegen die Dunkelheit


  
Necla Rüzgar · Other Forms Of Perception, 2013, Schuhe, Ölfarbe, Courtesy of the Artist and Galery Nev Ankara. Foto: Oguz Karakütük


Für ihre neue, zweiteilige Arbeit ‹Other Forms Of Perception› bemalte die Künstlerin Schuhe so, als wären sie aus Menschenhaut, ja Menschenfleisch genäht, mit noch frischen Schnittwunden und pochenden Venen. Unwillkürlich denkt man an Meret Oppenheims ‹Le déjeuner en fourrure› von 1936, für das Oppenheim eine Tasse mit Unterteller und Löffel mit Pelz überzogen hatte. Noch immer sehen wir diese Objekte, nur wurden ihnen die alltäglichen Funktionen entzogen. ‹Other Forms Of Perception› aber ist Malerei. Wir stehen also vor lebendigen Füssen, die zu Schuhen zugerichtet wurden, und wir müssen bezeugen, dass Schinden bei lebendigem Leib eine unerwartete Ästhetik hervorbringt.
Das Phänomen besitzt jedoch eine alte Tradition im Schöpfungsmythos der Kunst. Ein antiker Mythos erzählt von Marsyas, einem Satyr, der seiner Flöte süssere Klänge entlockte, als sie Apollo mit seinem Harfenspiel hervorbringen konnte. Dies erboste den Gott der Künste. Er forderte den sterblichen Herausforderer zum Wettbewerb, bediente sich aber einer List. Natürlich verlor Marsyas und Apollo zog ihm das Fell ab. Diese ‹Schindung des Marsyas› hat Tizian um 1576 in einer atemberaubenden Deutung gemalt: Ein unschuldiger, jugendlich wirkender Apollo häutet das kopfüber aufgehängte Zauberwesen, als wäre es die normalste Sache der Welt. Marsyas wehrt sich nicht, denn er ist dem Gott und seinem Gefolge völlig ausgeliefert.
Am mythischen Ursprung der Kunst, so denkt man fassungslos, sitzt die rohe Gewalt. Genau so trifft man die Kunst auch in der Eingangsszene von Buñuels und Dalís berühmten Film ‹Un Chien Andalou› (1929) an: Als eine Wolke den Mond passiert, reisst ein Mann, als folge er einem Parallelimpuls, das Auge einer Frau weit auf und trennt es mit dem Messer entzwei. Wie eng die Realität und die metaphorische Grausamkeit nebeneinander liegen, zeigt das Schicksal des Sufidichters und Mystikers Nasimi, der im 14. Jahrhundert bei Täbris gelebt haben soll. Die religiösen Herrscher liessen ihn wegen Blasphemie bei lebendigem Leib häuten. Nasimi aber, so die Überlieferung, schlang danach seine Haut um die Schultern und ging davon, um in Freiheit zu sterben.
All dies lässt mich an Albert Camus denken, der in seinem Essay ‹Der Mythos von Sisyphos› ein ebenso leidenschaftliches wie philosophisches Bekenntnis verfasste, in dieser und keiner anderen Welt leben zu wollen, obschon sie durch Chaos und Grausamkeit zerrissen sei. Seine bedingungslose Suche nach Schönheit und Freiheit im Angesicht der Gewalt erkenne ich in Necla Rüzgars neuen Skulpturen wieder. Diese Schuhe erheben Anklage und formulieren heftig Gegenwehr - vor aller Augen.
Susann Wintsch ist Kunsthistorikerin und kuratiert Treibsand, Contemporary Art Space on DVD.
info@treibsand.ch



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Ausgabe 6  2014
Autor/in Susann Wintsch
Künstler/in Necla Rüzgar
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