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Besprechung
6.2014


J. Emil Sennewald :  Als einer der Ersten bewältigt der Wahlpariser die immensen Räume des Palais de Tokyo durch Mimesis: Sein überbordender Paketband-Salon passt im Stil zum Abriss-Image des Kunstzentrums. Eingeladen zum Chillen, Zuhören oder Zanken, können wir uns des Eindrucks der Salonrevolution nicht erwehren.


Paris : Thomas Hirschhorn - Flamme éternelle


  
Thomas Hirschhorn · Flamme éternelle, 2014, Ausstellungsansichten Palais de Tokyo, unten: Frage­runde mit dem Philosophen Jean-Luc Nancy ©ProLitteris. Foto: Werner Egli


«Es ist nicht der Ort, der meine Arbeit definiert, die muss stärker sein als die Institution. Das Einzige, was zählt, ist die Frage der Form. Der Ort muss den Künstlern dienen.» Thomas Hirschhorn antwortet auf die Frage, ob der Hip-Faktor des Palais de Tokyo ihn störe, mit dem Furor, den man bei ihm schätzt. «Ich möchte ein Statement machen für Paris, wo ich seit dreissig Jahren lebe. Ich bin hier, weil ich hier viele Freunde habe, die aktiv denken. Die will ich nach vorne stellen.» Eine Agora baue er, mit Bibliothek, Bar, TV-Ecke, Vortragsbühnen und zweihundert eingeladenen - und honorierten - Gästen. Ausgewählt haben sie fünf seiner Freunde - darunter Manuel Joseph und Marcus Steinweg. Der Dichter und der Philosoph sind vor Ort. Der Künstler auch. Immer, 52 Tage lang. «Die Gäste treten ohne feste Uhrzeit auf. Sie sind Teil der Erfahrung ‹Kunst›, nicht kulturelles Rahmenprogramm», betont Hirschhorn.
Wie schon bei der vor zehn Jahren zum politischen Eklat geratenen ‹Swiss Swiss Democracy› im Centre culturel suisse ist er überzeugt: «Die ewige Flamme symbolisiert die Liebe zur Philosophie, die Zuwendung. Heute, wo alle kämpfen, braucht es Freundschaft in der Kunst. Nur die Kunst zählt, nur Dichtung, Philosophie, Literatur können helfen.» Stimmt! Nur wobei? «Um uns mit der Zeit, der Welt, der Realität zu konfrontieren.» Bravo, denkt man, genau! Schluss mit der Konsensgesellschaft! Aber was tun? Auf einem der Pappplakate steht: «The content of art is art.» Der haut erstmal in Gestalt von 20'000 gebrauchten Autoreifen die den Galerie-Luxus gewohnten Pariser/innen um. Eingeschüchtert lächelnd wandern sie durch die Endzeit-Szenerie aus Packband-Möbeln und zerhackten Styroporblöcken. Worte wie «l'opposition», «l'inconscient», «l'affectif» wehen durch die Gassen: Eine junge Frau liest aus einem Buch der Philosophin Julia Kristeva. Dazwischen erklärt Hirschhorn, wo der alles mit Abgasgeruch füllende Sprit für die Flammen herkommt. In einem der wenig benutzten Bücher ist von «Kampfliteratur» die Rede. Geschrieben von Christophe Fiat. Nicht 1968, sondern 2008. Kämpfen könnten wir hier, im Kunstzentrum. Aber mit wem? Worum? Und wieso hier? Nebenan surfen einige im Web. Auf den Reifen ringsum kleben Handy-Porträts. Diese Agora wird nicht gebraucht. Sie hat sich ins Internet verschoben. Oder auf die Strasse, wenn die Femen blank ziehen. Hirschhorns Agora ist sein Kultplatz, die ewige Flamme huldigt dem Künstlersubjekt, das Publikum ist Teil davon. Überschritten wird, wenn, dann gefahrlos, als Salonrevolution.

Bis: 23.06.2014



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Ausgabe 6  2014
Ausstellungen Thomas Hirschhorn [25.04.14-23.06.14]
Institutionen Palais de Tokyo [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Thomas Hirschhorn
Link http://www.flamme-eternelle.com
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