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Besprechung
6.2014


Grit Weber :  Der Mut des Künstlers als scharfer Kritiker des chinesischen Machtapparats ist unumstritten. Doch bei aller Kritik an diesem Staat, Ai Weiweis Ausstellung ist nicht überzeugend, weil sich der Künstler zu sehr auf seine Rolle als politischer Agitator stützt, seinen Werken aber Offenheit und Komplexität fehlt.


Berlin : Ai Weiwei - Evidence



Ai Weiwei · Stools (Hocker), 2014, 6000 hölzerne Hocker unterschiedlicher Grössen aus nordchinesi­schen Dörfern aus der Ming- und der Qing-Dynastie sowie aus der Zeit der Republik China (1644-1911). Sie gehören zum Standardinventar vieler chinesischer Haushalte und weisen Gebrauchsspuren auf. Die simple Gestaltung und die solide Konstruktion sind über Jahrhunderte unverändert geblieben.


Ai Weiwei unterhält einen Blog, in dem er über politische Missstände berichtet. Immer wieder organisiert er gemeinsam mit anderen spontane Protestaktionen, die sich gegen die Willkür der Staatsmacht richten. Auch in seinen künstlerischen Arbeiten finden sich Kommentare und Anspielungen auf diesen Staat, der in den letzten beiden Dekaden zu einer führenden Wirtschaftsnation wurde, seinen Bewohner/innen jedoch kaum bürgerliche Rechte gewährt. Unterdrückung und Korruption bilden die Themen, an denen sich der Künstler seit Jahren abarbeitet. Wenn Ai Weiwei nun in Berlin eine Ausstellung konzipiert - zu deren Eröffnung er selbst nicht anwesend sein durfte, weil ihm die Ausreise untersagt wurde -, dann darf das Publikum erwarten, dass eine intelligente Kunst den kritisch denkenden Menschen fordert. Leider ist davon wenig vorhanden.
Ai Weiwei thematisiert beispielsweise wiederholt das Erdbeben in der Region Sichuan 2008, das nahezu 70'000 Todesopfer forderte, weil Schulen und Wohnhäuser in schlechtem Zustand waren. Aus den Armierungseisen zerstörter Gebäude schafft er Sinnbilder der Mitschuld der Regierung an den unzähligen Opfern. Er versammelt die Eisen zu geordneten Haufen, schmiedet sie zu Skulpturen oder übersetzt sie bruchstückweise in Marmor. Doch die Aussagen des Künstlers wollen sich nicht in die Objekte transportieren. Stattdessen stellt sich Unbehagen an einer aufgedrängten Eindeutigkeit ein, ein Mangel an Assoziationsvielfalt, der uns zu Gegenfragen provoziert (schliesslich macht der Westen profitable Geschäfte mit China), die aber weder die Kunst Ai Weiweis noch die Texte der Kuratoren beantworten. Die Objekte mögen zwar zum Symbol werden, um jedoch gute Kunst zu sein, fehlt ihnen die interpretatorische Offenheit. Um als Beweis zu funktionieren, wie es der Titel der Schau suggeriert, fehlt ihnen die Überzeugungskraft. Um als Werk zu berühren, fehlt ihnen die Fähigkeit, das Entsetzliche als emotionale Regung in den Ausstellungsraum zu tragen.
Allein in zwei Arbeiten in der Schau ist diese Kraft zu spüren: in einem einfachen Videofilm, in dem der Künstler ein zum Abriss bestimmtes Viertel in Peking mit einem Auto während Stunden durchkreuzt und so kommentarlos, doch bilderreich vor Augen führt, welches Leben in diesen alten Strassen existiert. Oder in der Arbeit, die sich an die Stuhl-Installation der documenta 12 anlehnt: Unzählige einfache Hocker füllen den Raum, massenhaft, und doch ist jedes Möbel ein Individuum.

Bis: 07.07.2014


mit Katalog



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Ausgabe 6  2014
Ausstellungen Ai Weiwei [03.04.14-13.07.14]
Institutionen Martin-Gropius-Bau [Berlin/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Ai Weiwei
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