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Editorial
7/8.2014




Verwertungszyklen sprengen


  
TITELBILD · Roland Roos · verde mare, 2013, Manor Kunstpreis Zentralschweiz, Kunstmuseum Luzern


Flicken ist nicht angesagt. Brandneue, in Fetzen um die Beine schlabbernde Jeans hingegen schon. Denn Flicken hat mit Demut zu tun, mit dem Eingreifen in den Lebenszyklus eines Produkts und damit auch mit einem Bewusstsein für Ressourcen sowie für die Menschen, die ihre Zeit - meist fremdbestimmt - in die Herstellung und den Vertrieb eines Gegenstandes gesteckt haben. Das Verfalldatum wird von der Industrie oft mitdefiniert. In diesem Sinne heisst Flicken auch, eine wirtschaftliche Produktions- und Verwertungs­kette in Frage stellen.
Roland Roos, Manor-Preisträger Zentralschweiz, nutzt den Preis, um solche Produktezyklen am Beispiel einzelner Objekte - eines Gebrauchtwagens oder einiger Stoffbilderbücher - sichtbar zu machen. Dabei wird auf erfrischende Weise deutlich, dass industrielle und künstlerische Wertschöpfungsketten nicht identisch sind. Vielmehr erzeugt Roos mit deren Überlagerung eine fruchtbare Reibung, die ihrerseits Energie freisetzt und uns ermuntert, die vorprogrammierten Zyklen auszutricksen und - so der suggestive Titel ‹verde mare› - das Meer wieder «grüner» werden zu lassen.
Das Thema ist hochaktuell, auch weil sich der Einzelne beim Flicken in einen kollektiven Prozess einfügt und sich damit dem Trend zur Individualisierung, zum Namesetting widersetzt - Faktoren, die aus kommerziellen Gründen nicht nur im Kunstbetrieb immer mehr forciert werden. Der Manor Kunstpreis ist einer der nachhaltigsten Kunstpreise der Schweiz. Für 2014 sind sechs Preisträger und Preisträgerinnen gekürt worden, die jeweils eine Ausstellung in einem Kunsthaus sowie eine Publikation realisieren können. Dass nun ein Künstler diese kunstinterne Kette wieder zurück ins Unternehmen lenkt, bietet einen erhellenden Einblick in sonst wenig sichtbare wirtschaftliche Abläufe.



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Ausgabe 7/8  2014
Autor/in Claudia Jolles
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