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Fokus
7/8.2014


 Sie liess im Museum Tränen regnen, tauchte einen Raum des PS1 in New York in Dampf von Wasser, mit dem Leichen gewaschen wurden, und zeigt im Migros Museum Zürich Bilder verschwundener junger Frauen - die Mexikanerin Teresa Margolles. Ein Gespräch.


Teresa Margolles - Der tiefe Schmerz der letzten Gedanken


von: René Ammann

  
links: La búsqueda, 2014, Soundinstallation, Intervention mit Tonfrequenzen auf Glasscheiben, die aus dem historischen Zentrum von Ciudad Juárez transportiert wurden. Der Ton stammt von einer Eisenbahn, welche die Stadt durchquert. Er wurde in tiefe Frequenzen umgewandelt. Dimensionen variabel, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich. Foto: FBM Studio
rechts: La búsqueda, 2014


Teresa Margolles, Oscar Gardea Duarte und ich sitzen im Gästezimmer von Peter Kilchmann, Teresas Galeristen in Zürich. Oscar übersetzt verdankenswerterweise, er ist selbst Künstler, ebenfalls aus Mexiko, und stellt bei Christinger de Mayo aus. Es gilt das «du». Es ist der 22. Mai 2014.

Ammann: Teresa, welches Verhältnis hast du zum Tod?

Margolles: Eine schwierige Frage. Besinnlichkeit. Nachforschung. Schmerz. Der Tod ist eine offene Frage mit sehr vielen Antworten.

Ammann: Bist du religiös?

Margolles: Ich bin katholisch aufgewachsen - mit dem Bild des blutenden Christus am Kreuz vor meinen Augen.

Ammann: Ein starkes Bild.

Margolles: Allerdings.

Ammann: Vor Jahren hast du mir von einer Arbeit in Cali, Kolumbien, erzählt. Dort hast du ein Trottoir aufgerissen und die Leute durften Objekte hineinlegen, die mit Drogen und Gewalt zu tun hatten. Dann wurde das Trottoir wieder zuzementiert. Du warst als Künstlerin gar nicht vorhanden.

Margolles: Nicht unbedingt mit Drogen, aber mit Gewalt. 1999 in Cali in Kolumbien war es schwierig, nicht mit Drogen zu tun zu haben. Kolumbien war das erste Land Lateinamerikas, das ich besuchte. Ich hatte ein Stipendium bekommen und lebte vier Monate lang in Cali. Wir Künstler hatten wählen können, ob wir nach Kanada gehen wollten oder nach Kolumbien. Die meisten gingen nach Kanada. In Cali ging ich durch die Strassen, sprach mit den Leuten, hörte ihnen zu. Am Ende machte ich ‹Banqueta› (Sidewalk). Acht Stunden lang blieb das Trottoir aufgerissen und die Leute legten Objekte in die Grube, sprachen miteinander. Dann wurde die Grube zuzementiert. Ich wollte, dass die Leute ihre eigene Geschichte erzählen, meine Anwesenheit war in diesem Moment nicht wichtig.

Ammann: Ein Junge legte den Gürtel seines Vaters in die Grube, weil der ihn damit abschwartete.

Margolles: Ja, das hat mich sehr berührt, dass der kleine Junge so viel Mut hatte.

Ammann: Was legten die Leute sonst noch hinein?

Margolles: Briefe, Schallplatten, eine Trompete, Gewehr- und Pistolenkugeln - es vergingen aber auch Stunden, in denen keiner etwas hineinlegte. Der Ort heisst Parque de las Banderas - Flaggenpark, er bekam einen Preis für gute Architektur. Es ist ein grosser Platz mit Springbrunnen, Treppen und natürlich auch vielen Flaggen, ein Ort, an dem die Leute sich treffen oder auf den Bus warten, aussteigen.

Ammann: Und du hast einfach das Trottoir aufreissen lassen? Hat dich keiner davon abgehalten?

Margolles: In jener Zeit gab es viele Konflikte, ein paar Monate davor hatten Kidnapper eine Kirche während der Sonntagsmesse besetzt und alle gefangen genommen, um ihnen Geld abzupressen. Drei Monate lang sprach ich mit den Leuten.
Ich zeichnete ihre Geschichten auf.

Ammann: Schreibst du auch sonst?

Margolles: Nein. Wobei ich bedaure, dass ich die Geschichten in Cali nicht aufgeschrieben habe.

Ammann: Danach - so erzählte man mir - sei dieser Abschnitt des Trottoirs zum Denkmal geworden.

Margolles: Das war nicht meine Absicht, aber es ist eine Art Anti-Denkmal. Es gibt ja weder eine Plakette noch etwas zu sehen, es ist bloss ein Mund-zu-Mund-Denkmal. Jene Leute, die teilgenommen haben, erzählen die Geschichte weiter. Übrigens zu deiner vorherigen Frage: Die Polizei hielt mich nicht davon ab, aber ich wurde in ­einem Polizeiauto befragt, was ich da tue. Es war nicht illegal - ich hatte mit den Architekten gesprochen - aber ich hatte keine Bewilligung.

Ammann: Also lief es ebenfalls mündlich. Wie dein Werk.

Margolles: Ja, genau. Im Laufe der acht Stunden fanden sich Leute, die einen Angehörigen oder Freund verloren hatten.

Ammann: Die so Betroffenen öffneten sich vielleicht einem anderen, dem das ebenso widerfahren war.

Margolles: Mexiko war in jenen Jahren nicht so weit. Das Wort Sicario (Auftragsmörder) existierte nicht. Das hatte ich in Kolumbien gehört. Ich traf viele mutige Menschen, die auf den Platz kamen und sich damit selbst und ihren Verlust öffentlich zeigten. Sie hatten Angst, verständlicherweise. Die Leute kannten sich ja nicht. Die Objekte, mit denen sie jahrelang gelebt hatten und von denen sie sich nun trennten, liess sie den Moment der Tragödie erneut erleben - die Tragödie, jemanden zu verlieren, den man liebt.

Ammann: Also ein Treffen der Opfer?

Margolles: Ich sah das nicht als das, nein, sondern ich sah Menschen mit enormer Energie und grossem Mut. Sie öffneten sich - und schlossen sich wieder, um zu überleben. Ich war nicht dort, ich wollte nicht, dass sie mir die Objekte übergeben. Den Leuten war eh nicht wichtig, wer den Dialog inszeniert hatte. Wichtig war allein der Dialog.

Das Museum weinen lassen


Ammann: Als ich deine Ausstellung in Frankfurt sah, dachte ich: Wohin kann Teresa noch gehen? Da waren Luftblasen aus Wasser, mit denen man Leichen gewaschen hatte, Tränen, eine Art Löschpapiere, die du durch die Flüssigkeit von Toten nach der Obduktion gezogen hast - das Einzige, was noch an diese Menschen erinnert, denn meist hatten sie nicht einmal einen Namen - und die Katafalke, Gipsabdrücke Obduzierter.

Margolles: Als Udo Kittelmann mich einlud, bekam ich Panik. Nachdem ich mir alle Werke des Museums angesehen hatte...

Ammann: ...den Boltanski...

Margolles: ...ja, und von Beuys, Warhols Video... da dachte ich, wie viel Energie ist in diesem Gebäude drin, wie viel Schmerz! Es gab Krieg im Irak und Mexiko erlebte eine neue Welle der Gewalt. Die Welt zerfiel ausserhalb des Museums. Ich wollte alle sieben Räume, die man für mich vorgesehen hatte, weinen lassen. Am Ende zeigte ich dann doch Arbeiten, die bereits fertig waren. Und nur einen Raum, der weinte.

Ammann: Im Moma, im PS1, war der Raum voller Dampf - Wasser, das zum Waschen von Leichen gebraucht worden war...

Margolles: Für mich war der ganze Raum ein Körper, der Nebel von Körpern, durch die man schritt - und verschwand.

Ammann: In meiner Erinnerung gab's ein Licht, ich nahm es als Stroboskop wahr.

Margolles: Nein, das Licht kam von den Fenstern. Ich wollte den physischen Raum des Museums intakt lassen. Der Nebel schuf einen neuen Raum aus den Resten der Körper. Man ging durch den Raum und wusste nicht, wohin man ging.

Ammann: Man wird Teil des Werks, weil man den Dampf einatmet.

Margolles: Man wird Teil dessen, das verschwindet. Der physische Teil des Museums verschwindet, und dein Körper sucht etwas.

Ammann: Meine Assoziation war: Club. New York City hat viele Clubs, in deren künstlichem Nebel Kokain konsumiert wird.

Margolles: Ah. Das ist jener Teil des Werkes, das zu dir gehört, zu deinem Denken. Du kennst den Ursprung des Nebels, aber die Gefühle, die du hast, während du im Nebel suchst, die gehören dir allein. In meinem Fall ging ich durch den Nebel und suchte Berührung, aber da war nichts. Ich ging durch das Nichts. Andere hörten Musik oder Stimmen oder sahen Dinge.

Letzte Botschaften

Ammann: In Mexico-City sah ich deine Arbeit von letzten Mitteilungen von Menschen, die sich umgebracht hatten. Sie standen in grossen Lettern an Kinos, die längst geschlossen waren.

Margolles: Das waren Gedanken über das Innen und Aussen. Im Gerichtsmedizinischen Institut, in dem ich jahrzehntelang gearbeitet habe, und draussen auf der Strasse. Den toten Körper auf dem Seziertisch wieder auf die Gasse zu bringen. Warum beging dieser Mensch Suizid? Warum hat er einen Brief hinterlassen?

Ammann: Woher stammten die Abschiedsbriefe?

Margolles: Manche von den Toten, die in die Gerichtsmedizin gebracht wurden. Manche las ich in Zeitungen, manche im Internet. Die Kinos waren längst geschlossen, die Vordächer trugen keine Werbung mehr. Sie warteten auf etwas, das sie sagen können.

Ammann: Als letzte Botschaft.

Margolles: Ja, ich mochte die Kinos sehr, ich bin als Kind oft hingegangen, sah grossartige Filme auf diesen gigantischen Leinwänden. Der Schmerz der letzten Gedanken eines Menschen, bevor er Suizid beging, und der Schmerz über den Zerfall der Kinos fügte sich irgendwann zusammen. Als die Leute die Texte lasen, dachten sie, das Kino würde wieder eröffnet. Die letzte Botschaft der Toten setzte sie in den sozialen Kontext - ohne dass ich ihre Namen nannte oder ihr Geschlecht. Nur ihr Alter. Die Fotos sind bloss ein Dokument. Rund um die Kinos war ja Leben mit all den Händlern, Strassenmusikanten, Prostituierten.

Ammann: Man sieht auf den Fotos keine Menschen.

Margolles: Die wurden am Morgen gemacht. Die Lettern waren aus Acryl, wie früher. Ich habe sie extra herstellen lassen. Als das Kino fiel, fiel auch der Text in den Schutt.

Ammann: Es starb mit dem Selbstmörder.

Margolles:
Ja.

Ammann: Eros und Thanatos sind mächtige Themen in deinem Werk. Wirst du dich künftig der Liebe annehmen?

Margolles: Wer weiss?

Ammann: Die Kinos standen in Guadalajara. Inzwischen lebst du in Ciudad Juarez. Warum?

Margolles: Wegen der ermordeten Frauen. Das Thema wurde bereits künstlerisch aufgenommen, es gab Fotos und Dokumentarfilme. Und Theaterstücke. Es gab Gruppen von Müttern, die ihre Töchter suchten. Ich zog 2005 nach Juarez. Die ersten Berichte über ermordete Frauen stammen von 1993.

Ammann: Wurde keiner verurteilt?

Margolles: Doch, durchaus. Viele Täter haben gestanden und sitzen im Gefängnis. Juarez war übrigens eine überraschend lebendige Stadt. Doch nach einer Welle von Gewalt flohen die Menschen aus der Stadt und der Zerfall der historischen Innenstadt setzte ein. Von da an begann ich mit Leuten zu arbeiten, die ihren Platz verliessen, mit Musikanten, Schuhputzern, Prostituierten, Transvestiten und Trödlern.

Ammann: Du hast Tausende von Fotos eines lokalen Fotografen gekauft.

Margolles: Ja, Luis Alvarado war einer der Menschen, die ich während dieser Zeit traf. Ein begnadeter Fotograf, der fünfzig Jahre seines Lebens dokumentierte und am Ende sein Hab und Gut verkaufen musste, um zu überleben. Die Fotos sind ein Dokument der unteren Mittelklasse der Stadt. Alle Personen auf dem Bild schauen direkt in die Kamera, also hat Don Luis sie nicht heimlich abgelichtet. Sie vertrauten ihm.

Ein Epizentrum
Ammann: Was wirst du mit ihnen tun?

Margolles: Ich weiss es nicht. Gegenwärtig werden alle Bilder digitalisiert. Don Luis macht weiterhin Fotos.

Ammann: Die Fotos waren in alten Schachteln, wenn ich mich richtig erinnere.

Margolles: Wir fanden das Gebäude, in dem er seinen Laden hatte, eine Woche vor dem Abriss. Ich sagte, lass uns mit deinen Fotos ein Buch machen! Erst dachte ich, eine Veröffentlichung würde ihm die Anerkennung verschaffen, die er verdient. Aber er schien wenig daran interessiert. Er zog die Schultern hoch und sagte, dafür sei er zu alt. Er ist über achtzig. Er weiss, dass ich seine Fotos habe und ich ihnen Sorge trage. Seine Bilder sind wichtig auch für Juarez, wo es ja sehr viele Fotografen gab.

Ammann:
Warum?

Margolles: Wegen des Nachtlebens.

Ammann: In Zürich zeigst du Schaufenster mit Flyern verschwundener Frauen.

Margolles: Die Fenster stammen aus Läden, die längst geschlossen sind. Die Geschäfte waren voller Staub, Dreck und Spinnen. Ich machte von den Räumen Videos und mir fiel auf, dass es zwei Räume waren mit Leben: der Innenraum und der Aussenraum. Ich wollte die Fenster, die diese trennten. Mitsamt den Suchplakaten. 20, 25 Jahre sind vergangen, die Vermisstmeldungen klebten noch immer an den Fenstern und junge Frauen schlenderten an ihnen vorbei. Also fragte ich die Besitzer. Sie gaben mir die Fenster - und ich liess neues Glas einsetzen. Im Museum vibrieren die Fenster, als sässe man in einem Zug, von dem man nicht weiss, woher er kommt und wohin er fährt. Es ist wie ein Epizentrum, das die Botschaften von Juarez in die Welt trägt.

René Ammann ist Journalist und Buchautor. Er lebt in Zürich. zahlenwelt@gmail.com


Bis: 17.08.2014


Teresa Margolles (*1963, Culiacán, Sinaloa) lebt in Mexico City

Einzelausstellungen/Teilnahme an Grossausstellungen (Auswahl)
2010/11 Kunsthalle Fridericianum
2009 Venedig-Biennale
2008 Manifesta, Frankfurt/M
2004 Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/M
2003 Kunsthalle Wien
2000 Lyon-Biennale



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Teresa Margolles [24.05.14-17.08.14]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in René Ammann
Künstler/in Teresa Margolles
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