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Fokus
7/8.2014


 Die Natur kopieren wollten und wollen viele Künstlerinnen und Künstler. Doch nur wenige gehen dabei so unverfroren direkt vor wie Eva-Fiore Kovacovsky - und benutzen einfach einen Tintenstrahldrucker. Doch so simpel ihr Mittel, so vielfältig sind ihre künstlerischen Produkte. Im Aargauer Kunsthaus Aarau und im Kunsthaus Langenthal lässt sich momentan nachvollziehen, was für sie «Kunst nach der Natur» heisst.


Eva-Fiore Kovacovsky - Die Natur in den Kopierer legen


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Fotogramm/Mehrfachbelichtung eines Lochs, 2011, C-Print, 69,5x50,5 cm, Unikat, Courtesy Galerie Stampa, Basel
rechts: Ausstellungsansicht Caravan 2/2014. Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: David Aebi


Ein Doppelpunkt kommt selten allein. Vor diesem Satzzeichen braucht es etwas, und danach auch. Im Fall von ‹Doppelpunkt›, einem Fotogramm von 2013 der in Amsterdam und Berlin lebenden Bernerin Eva-Fiore Kovacovsky, kommen vorher Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp. Kovacovskys Arbeiten hängen jedenfalls im Rahmen ihrer Einzelpräsentation in der Reihe ‹Caravan› im Aargauer Kunsthaus Aarau im selben Raum wie Sammlungswerke der beiden Vertreter einer klassischen Moderne mit konstruktivistischem Einschlag. Während Kovacovsky aber sehr direkt Elemente aus der Natur - Blätter, die Frassspuren von Raupen aufweisen, oder Gräser, die sie bisweilen schon fast unnatürlich umformt - in ihre Arbeit übernimmt, nähern sich Arp und Taeuber-Arp der Natur quasi von der zivilisierten Seite her. Oder: Während Letztere Natur konkret konstruieren, konstruiert die Natur wiederum die Arbeiten von Kovacovsky. Und während an der dOCUMENTA (13) 2012 das Wahlrecht von Erdbeeren diskutiert wurde, entscheiden hier die Raupen über die Formen.
Wenn Taeuber-Arp und Arp also vor dem ‹Doppelpunkt› stehen - was kommt dann danach? Man könnte zum Beispiel sagen, dass danach die Natur weiterschreibt. Für Werke, die 2011 in der Galerie Stampa in Basel zu sehen waren, hat Kovacovsky Gräser so gefalzt und verformt, dass sie in ein grafisches Raster passten - sie hat quasi der Natur ein Layout verpasst. Im Kunsthaus Aarau bringt sie die Natur nun ins A4-Format, in Buchform: Sie hat Gräser und Blätter auf verschiedenfarbige Papiere - oder eben auch Blätter - kopiert und mittels Tintenstrahldrucker ausgeprintet.

Blättern im Blätterwald

«Ich habe mich für diese Bücher von einer alten Drucktechnik inspirieren lassen, bei der Blätter und Gräser im sogenannten Selbstdruck im Massstab 1:1 gedruckt wurden und die in der Botanik eine wichtige Rolle spielte», erklärt Kovacovsky. «Interessant wird es dann, wenn das zu katalogisierende Objekt - das Blatt oder die Pflanze - eigentlich zu gross ist für die Buchseite. Meist wurde es für den Druck dann einfach auf das Format des Buches heruntergefaltet.» Genauso verfährt sie in den Arbeiten, in denen sie Gräser und Blätter in ein Raster zwingt. Und auch in den aktuellen Bucharbeiten nutzt sie nicht elektronische Bildbearbeitungswerkzeuge, sondern ein 1:1-Verfahren mit einem einfachen Tintenstrahldrucker.
Im Vordergrund steht denn weniger die wissenschaftliche Erkenntnis als vielmehr ein Weiterformulieren von Natur in der Kunst. Obwohl Kovacovsky auch schon Strategien verfolgt hat, die Ähnlichkeiten mit aktuellen Taktiken künstlerischer Forschung haben: «Ein unrealisiertes Projekt von mir ist es, einmal länger nach Lima, in Peru, zu reisen, um dort mit Kartoffeln zu arbeiten, die ja ursprünglich aus Lateinamerika stammen». Während man in Kovacovskys Büchern nicht blättern darf, weil sie - ähnlich den Werken von Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp - gut geschützt in Vitrinen liegen, schafft eine Zugfahrt nach Langenthal Abhilfe. In der Ausstellung des Aeschlimann Corti Stipendiums der Bernischen Kunstgesellschaft liegt ein ähnliches Buch auf dem Parkett, einzig etwas gestützt durch ein anderes Buch. Hier bleibt die Natur am Boden, statt dass sie in die Vitrine verpflanzt wird.
Die Natur zu kopieren - oder eben einfach bequem ausdrucken - ist schon lange ein Anspruch der Kunst. Und noch länger ein Anspruch der Wissenschaft. Die Adern von Blättern lassen sich vielleicht noch digital simulieren - in welche Richtung und mit welcher Intensität sich eine Raupe durchs Blatt frisst, weiss nur sie selbst. ­Entsprechend macht es Sinn, dass sich Kovacovsky eher mit traditionelleren Reproduktionstechniken und -taktiken behilft: Um die Natur eben sehr buchstäblich zu kopieren, statt sie nachzumalen oder mit digitalen Mitteln vorzudefinieren.

Vor der Natur, nach der Natur
Apropos vordefinieren: Würde nicht die Gentechnologie gerne Pflanzen in ein platzsparendes Grid bringen und ihnen ein striktes Layout an Funktionen und Merkmalen aufformulieren? Kovacovsky belässt es nicht bei der Verherrlichung oder Kopie der Natur, gemäss der altehrwürdigen Formulierung «nach der Natur malen». Sie biegt die Natur auch zurecht. Sie bringt sie in Wissensspeicherformate - zum Beispiel Bücher - oder ästhetisiert sie in Wandarbeiten. In denen es - bezeichnenderweise - nicht viel mehr bräuchte, bis die Grashalme symbolträchtig zerreissen würden.
Statt sie ganz zu zähmen, wie das vielleicht auch der Anspruch der - auf die Natur schon immer etwas neidischen - Kunst sein könnte, erlaubt uns Kovacovsky eine intensive Lektüre der Natur. Dann können plötzlich auch Raupen schreiben, auch wenn es vorerst nur Doppelpunkte sind. Aber auch die dOCUMENTA (13) hat schliesslich damals noch kein adäquates Mittel oder keinen geeigneten Fragebogen gefunden, um etwas unmissverständlich Formuliertes aus den Erdbeeren herauszuholen.

Daniel Morgenthaler ist Kurator am Helmhaus Zürich und freischaffender Autor, dani_moergi@hotmail.com


Bis: 27.07.2014


Eva-Fiore Kovacovsky (*1980), lebt in Berlin und Amsterdam

1997-2001 Grafikklasse und Basisjahr A, Schule für Gestaltung, Basel
2003-2006 Bachelor in Bildender Kunst, Dep. für Fotografie, Gerrit Rietveld Academy, Amsterdam

Einzelausstellungen
2014 ‹Caravan 2/2014›: Eva-Fiore Kovacovsky, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2013 ‹Transmutationen›, Galerie Stampa, Basel
2012 ‹House of Grass›, Malonioji 6, Vilnius, Litauen
2011 ‹Hortus Conclusus›, Galerie Stampa, Basel
2009 ‹Salad Days›, Kunstvereniging Diepenheim, Diepenheim, Niederlande

Gruppenausstellungen
2014 Aeschlimann Corti-Stipendium, Kunsthaus Langenthal
2013 Fotopreis des Kantons Bern, Kornhausforum, Bern
2013 ‹Another One Around the Sun›, Studio 2o46, Berlin
2011 ‹Still life›, Dutch Contemporary Photography, Foam, Amsterdam/2013 MAMM, Moskau
2010 Werkankäufe der Kunstkommission der Stadt Biel, CentrePasquArt, Biel



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Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Eva-Fiore Kovacovsky [10.05.14-27.07.14]
Ausstellungen Aeschlimann Corti-Stipendium [08.05.14-29.06.14]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Eva-Fiore Kovacovsky
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