Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2014


 Roland Roos zieht in der Regel die Reduktion der Produktion vor. Von manchen seiner Arbeiten bleibt nichts übrig. Anders jedoch diesmal im Kunstmuseum Luzern, wo er im Rahmen des Manor Kunstpreis Zentralschweiz eine Produktionsstätte eingerichtet hat. Während der ganzen Ausstellungsdauer ist er mit seinem Team werktags an der Arbeit anzutreffen. Die hier von Hand fabrizierten, knautschfesten Stoffbüchlein lässt er in die Vertriebskanäle der Warenhauskette zurückfliessen.


Roland Roos - Mit und für Manor produzieren und distribuieren


von: Niklaus Oberholzer

  
links: Manor Kunstpreis Zentralschweiz 2014, Kunstmuseum Luzern. Foto Stefano Schröter
rechts: Das Auto, 2014, Stoffpublikation


Alte Autos aus der Schweiz werden nach Osteuropa verkauft und dort gefahren, bis sie schrottreif sind. Dann landen sie auf der Müllhalde. Die Schweizer/innen exportieren also ihren Müll und verdienen noch Geld damit. Eine Folge: Hierzulande fehlen Ersatzteile für diese Wagen, was wiederum der Autoindustrie dient. Roland Roos verkehrte die Dinge in seinem Projekt ‹Fiat uno›, 2011, ins Gegenteil: Er kaufte in Polen einen alten, ursprünglich in der Schweiz immatrikulierten Fiat, führte ihn mit allen Zoll-Formalitäten in die Schweiz zurück, demontierte ihn, führte Brauchbares dem Ersatzteilhandel zu und entsorgte den Rest über die üblichen Kanäle.
In seinem langfristig angelegten, 2010 abgeschlossenen Projekt ‹Free Repair› machte Roos im öffentlichen Raum allerlei Schadhaftes ausfindig - eine eingeschlagene Fensterscheibe, eine beschädigte Sitzbank, ein verbogenes Strassenschild, ­eine unvollständige Leuchtreklame - und reparierte den Schaden, ohne Wissen des Eigentümers, ohne Auftrag, ohne Lohn, tagsüber und während den normalen Arbeitszeiten. Fotografien der rund hundert reparierten Schadstellen verkaufte er für CHF 320, was den Kosten für die Reparaturen entsprach.

Verknappen statt produzieren
Während eines Atelieraufenthalts in Warschau sammelte Roos auf den Strassen 84 leergetrunkene und dann weggeworfene Wodkafläschchen, die je einen Deziliter fassen. Er zertrümmerte sie, schmolz das Glas ein und goss daraus Fläschchen von identischer Form, jedoch ohne Hohlraum. Das Glas ergab acht neue Fläschchen, die er, eingelegt in 8,4 Liter Wodka (so viel fassten die 84 Fläschchen ursprünglich), in der Jahresausstellung 2010 im Kunstmuseum Luzern präsentierte. In München mauerte Roos Eingang und Fenster eines Galerieraums, in dem früher eine Bäckerei betrieben wurde, zu und sprayte auf die weisse Wand: «Wo ist meine Bäckerei?» Für eine Gruppenausstellung in Olten mit dem Titel ‹Babel› erbat sich Roos 2013 von fünf Firmen der Stadt je einen Neon-Buchstaben ihres Firmen-Schriftzuges. Die Buchstaben ­arrangierte er im Ausstellungsraum zum leuchtenden Wort BABEL.
Roland Roos schreibt sich mit ‹Fiat uno› in komplexe politische und wirtschaftliche Prozesse ein und unterwandert sie. Die Aktion hinterliess keinerlei Spuren. In ‹Free Repair› behebt er ungefragt Schäden, ironisiert gutschweizerische Ordnungsliebe und will vielleicht gar Vandalismus konterkarieren. Mit der Wodkaflaschen-Aktion thematisierte er nicht nur Littering und polnische Alkohol-Sitten, sondern auch Fragen um Inhalt und Form und um Kunst als Reduktion statt Produktion. Zugleich gibt er dem Abfall ein neues Gesicht und holt ihn ins Museum. Die Spray-Aktion auf der Galeriewand fragt hintersinnig: Ist die Galerie die Bäckerei - und damit Lebensmittel-Lieferantin und Überlebenshilfe - für den Künstler? Oder gar für alle? Oder umgekehrt: Kommt's im Leben auch des Künstlers auf die Bäckerei an und gar nicht auf die Kunst? Mit dem Projekt ‹Babel› schafft Roland Roos irritierende Lücken im Stadtbild und paraphrasiert gleichzeitig die Beziehungen zwischen Wirtschafts­unternehmen und Museum/Kultur. Und auch da: Seine Kunst schafft nicht Neues, sondern verknappt Bestehendes.
Allen diesen Projekten ist gemeinsam: Roos will im Kunstwerk nicht Neues produzieren, sondern im kreativen Umgang mit Bestehendem Fragen von politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher Relevanz ins Bewusstsein rufen. Das ist einerseits eine Reaktion auf materiellen Überfluss, andererseits aber auch Folge des Bestrebens, aus der Not finanzieller Enge eine Tugend der Reflexion zu machen: Über Geld verfüge er nicht, über jene Zeit aber sehr wohl, ohne die diese Reflexion nicht möglich ist.

Elektriker, Maurer, Automechaniker...
Allen diesen Projekten ist überdies gemeinsam: Der Künstler legt selbst Hand an, muss ständig neue Arbeitstechniken erlernen und wird so zum Fachmann für vieles: Er mauert selbst die Galerie zu oder schmilzt die Wodkaflaschen im eigenen Glasschmelz-Ofen. Er montiert in komplizierten Schritten eine Steckdose in eine Galeriewand, die einen Monitor mit Strom versorgt, auf dem zu sehen ist, wie Roland Roos diese Steckdose montiert. Selbstverständlich flickt er - in ‹Free Repair› - die Schadstellen eigenhändig. Diese Eigenhändigkeit gibt ihm die Möglichkeit, alles unter der eigenen Kontrolle zu behalten. Sie eröffnet ihm aber auch ein breites Feld von neuen Erfahrungen. Da betritt er immer wieder Neuland, was zum reizvollen und auch risikoreichen Abenteuer werden kann: Die Möglichkeit des Scheiterns ist Teil des Konzepts.
Wenn Roos trotzdem Hilfe braucht, so holt er sie nicht bei Spezialisten, sondern bei Freunden, die er, durch neue Erfahrungen selbst zum Spezialisten geworden, in die Arbeit einführt: Als er in Italien ein Modell des Fiat Panda kaufte, das in der Schweiz weder erhältlich noch zugelassen ist, bat er vierzig Leute, die Einzelteile, in die er das Auto zerlegt hatte, mit der Eisenbahn in die Schweiz zu bringen. Hier baute er das türkisfarbene Schmuggelgut mit dem schönen Namen ‹Verde Mare› wieder zusammen, machte es fahrtüchtig und präsentierte es im Zürcher Helmhaus. Die Zusammenarbeit mit Freund/innen ist ihm wichtig und wird gar zu einem wesentlichen Aspekt seines Werk- und Kunstbegriffs, in dem Materialität eine geringe, ein breit verzweigtes Kontaktnetz eine umso wichtigere Rolle spielt.

Gegenseitige Abhängigkeiten

Auf die Mitarbeit von Freund/innen ist Roland Roos auch für seine jüngste Arbeit im Rahmen der Ausstellung zum Manor Kunstpreis im Kunstmuseum Luzern angewiesen. Er schafft unmöglich im Alleingang, was er hier im Museum in einer eigens eingerichteten Werkstatt an mehreren Arbeitsplätzen herstellen will, und womit er sich in die Vertriebskanäle der Manor-Warenhauskette einschleust.
Der Manor Kunstpreis ist seit seiner ersten Verleihung 1982 in Luzern mit Ausstellung und Publikation verbunden. Doch die Idee einer Publikation und der Gedanke an eine übliche Museums-Schau passen schlecht zum Selbstverständnis von Roos. Also entwickelte er ein Projekt, das den Preis in die Verkaufsregale des Warenhaus-Unternehmens zurückführt. Das mag absurd anmuten, ist es aber nicht, denn Roos verweist so auf subtile Weise und mit ironischem Unterton auf gegenseitige Abhängigkeiten und legt offen, worum es denn wirklich geht: Das Wirtschaftsunternehmen unterstützt seine Kunst, doch ebenso unterstützt seine Kunst auf ihre Weise und erst noch uneigennützig das Wirtschaftsunternehmen und gibt ihm willkommene Gelegenheit zur Image-Pflege. Folgerichtig nennt der Künstler sein Unternehmen schlicht ‹Manor Kunstpreis Zentralschweiz›.
In der Werkstatt, die Roos im Museum eingerichtet hat, sind während der ganzen dreimonatigen Ausstellungsdauer der Künstler selbst und seine Freund/innen an der Arbeit. Sie bedrucken im Siebdruckverfahren Stoffe, sie bedienen Stick- und Nähmaschinen - und fabrizieren in grosser Zahl sechs verschiedene Typen jener kleinen quadratischen Stoff-Bilderbüchlein, wie man sie in den Kinderabteilungen der Manor-Filialen und auch in vielen anderen Geschäften findet. Sie entsprechen in der Machart genau der üblichen Handelsware, sind mit allen nötigen Wasch- und Bügelanleitungen versehen, entstanden jedoch nicht in meist gesundheitsschädigenden Massenbetrieben im Fernen Osten, sondern hierzulande in Handarbeit. Eher ungewohnt sind ihre Sujets: Fünf Büchlein erzählen in einfachen Bildern von Roos' früheren Arbeiten. Das sechste illustriert die Arbeit in der im Kunstmuseum eingerichteten Werkstatt. Verkauft werden die Büchlein zum handelsüblichen Preis von CHF 14 bei Manor. Vielleicht kann tatsächlich nur Kunst diesen für Schweizer Handarbeit konkurrenzlos günstigen Preis möglich machen. Alle sechs Büchlein ergeben zusammen eine Art Retrospektive. Das Kunstmuseum Luzern vertreibt sie als Edition.

Niklaus Oberholzer, Kunstpublizist in Horw/Luzern. niklausoberholzer@bluemail.ch

Bis: 14.09.2014


Roland Roos (*1974) lebt und arbeitet in Zürich

Berufslehre als Elektromonteur; Studium an der ZHdK und am Art Institute of Chicago
2007 Yvonne Lang-Chardonnens-Stipendium
2010/2011 Atelieraufenthalte in Warschau und Genua
2012 Werkbeitrag Kanton Zürich
2010 Ausstellungspreis Kunstmuseum Luzern
2014 Manor Kunstpreis Zentralschweiz



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2014
Ausstellungen Roland Roos [14.06.14-14.09.14]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Roland Roos
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=140630113420KQ2-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.